22. Januar 2016

Liebes "Volk"...



...schon seit einiger Zeit will ich dir unbedingt etwas sagen.
Dringend.
Und ich gebe zu, je länger ich das vor mir hergeschoben habe, desto mehr schrumpfte mein Mut zu einem kleinen, schwarzen Häufchen Resignation zusammen. 
Aber vielleicht kennst du das ja auch?
Dieses Gefühl, dass man sehr, sehr lange etwas ausgehalten oder über etwas hinweggesehen hat, was einem zunächst einfach nicht bedeutsam genug erschien, um sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen.
Wie das kleine Fleckchen Unordnung in der hintersten Zimmerecke, dass es sich einfach noch nicht aufzuräumen lohnte. Doch nach und nach - und dann ganz plötzlich - ist ein riesiges Chaos entstanden, das scheinbar nicht mehr zu bewältigen ist.

Liebes "Volk"... du bist für mich zu so einem gigantischen Chaos geworden.
Wohin ich blicke, sehe ich unsichere, verängstigte Menschen, die sich bedroht fühlen.
Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen und überzogenem Geltungsbedürfnis.
Menschen mit Verfolgungswahn und nationalistischem Denken.
Menschen mit so viel Hass in sich und auf sich selbst, dass sie diesen Hass unbedingt rauslassen müssen.
Menschen, die sich nicht Ernst genommen fühlen und deshalb noch lauter schreien und noch mehr Ausrufezeichen benutzen.
Menschen, die die Welt um sich herum eigentlich gar nicht wirklich verstehen, aber sich auch nicht bemühen.
Menschen, die manipulieren, um andere Menschen auf ihre Seite zu ziehen.
Menschen, die anderen Menschen das Menschsein absprechen.
Menschen voller Zukunftsängste und ohne Perspektiven.
Menschen, die an Chemtrails glauben, an Reptilienmenschen, an Illuminati und daran, dass die Welt eine Scheibe ist.
Menschen, die glauben, dass ihre Religion oder Herkunft oder Sprache sie in irgendeiner Weise anderen Menschen überlegen macht.

All diese Menschen sind da draußen und alle Augen scheinen auf dieses kleine Fleckchen Unordnung gerichtet zu sein, das irgendwie immer größer zu werden zu scheint. Alle Ohren scheinen nur noch zu hören, wie diese Menschen wütend schreien, dass sie "das Volk" seien.
Und all die anderen?
Und ich?
Wir sind doch auch Menschen.
Wir sind doch auch "das Volk".
Wir sind doch so viel mehr als diese kleine, unordentliche Ecke aus Angst, Verzweiflung, Wut und Unsicherheit.

Warum hört man uns so selten sagen <Wir sind auch das Volk>?
Warum bleibt diese große Masse stumm?
Hat uns diese Welle aus ignorantem Chaos den Boden unter den Füßen weggezogen?
Hat uns die Flut aus geistigen und verbalen Entgleisungen die Sprache verschlagen?
Hat uns das verzerrte Gesicht der Ignoranz eingeschüchtert?

Auf mich trifft das zu.
Ich bin sprachlos. Und bin es doch eigentlich nicht.
Und dennoch bleibe ich so oft stumm.
Wie so viele.
Ich bewege mich in sozialen Netzwerken gefühlt wie in einem Minenfeld.
Von überall prasseln Artikel, Posts und Meinungen zum Chaos auf einen herein und merke, wie ich ständig mit der Entscheidung ringe, sie zu lesen oder zu ignorieren.
Lesen bedeutet, bewusst in die Ecke mit der Unordnung zu gucken und sich schmerzhaft bewusst zu werden, wie scheußlich es mittlerweile da aussieht.
Ignorieren bedeutet die Schmuddelecke aus den Augen verlieren und sich im Klaren sein, dass sie trotzdem immer größer wird.
Es scheint keine gute Lösung zu geben.
Außer vielleicht...



...aufzuräumen.
Sich dem Chaos entgegenstellen.
Und nicht nur den Mund noch weiter aufzureißen und lauter zu schreien als die anderen, sondern sich bemühen etwas zu ändern.
Auch wenn die Ängste der Ängstlichen nicht sofort verschwinden und die Hetzer weiter hetzen wollen.
Auch wenn Nazis oder Extremisten hassverblendete Arschlöcher bleiben.
Auch wenn der geistige oder emotionale Horizont mancher Menschen sich nicht durch ein bisschen Wahrheit und Mitgefühl erweitern lässt.
Auch wenn man selbst nicht die Antworten auf all die Fragen geben kann, die die Irritierten und Unsicheren hören wollen, weil man eben selbst manchmal irritiert und unsicher ist.

Liebes "Volk"... wir müssen etwas gegen dein Chaos unternehmen.
Wir, die wir bisher stumme Leser oder Ignoranten gewesen sind, müssen uns zu Wort melden.
In der echten Welt und in der digitalen.
Und "zu Wort melden" bedeutet nicht nur einfach einen Daumen anzuklicken oder einen Beitrag zu teilen.
Wir müssen selbst Beiträge bringen,
Texte verfassen,
Fotos schießen,
Menschen helfen,
Stellung beziehen,
Hände reichen,
Gespräche führen,
Augen aufmachen,
Bücher lesen,
Nachrichten schauen,
auf die Straße gehen,
Rückgrat zeigen,
wählen gehen,
unseren Kopf benutzen
und unser Herz.


Liebes Volk... lass uns anfangen.

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