9. Februar 2014

[sullen sunday]: reibungsarm

Wäre ich heute eine Wildsau und ich meine eine echte Wildsau und nicht nur jemand, der sich wie eine benimmt, dann wäre mir wohl sehr danach, mich irgendwo so richtig kräftig zu wetzen, zu schubbern.
Ich würde mir eine Eiche oder eine alte Birke suchen, etwas mit einer wirklich ordentlichen Borke und mich daran scheuern.
So lange, bis ich endlich wieder das Gefühl habe, mich zu spüren.
Denn heute spüre ich mich nicht wirklich und es macht sich der Eindruck in mir breit, dass ich das schon eine Weile nicht mehr tue.
Zumindest nicht mehr vollständig.
Das ist seltsam, denn ansonsten geht es mir gut.
Ich bin von Menschen umgeben, die ich mag und die mich mögen.
Ich fühle mich aufgehoben und meist auch verstanden.
Es ist alles in Ordnung.
Es ist alles okay.
Aber es ist reibungsarm.
Es ist verschwommen.
Es erscheint mir irgendwie unvollständig oder zumindest nicht klar umrissen.
Ich suche die Grenze und teste sie aus, fast wie ein Teenager, der sich gegen die Eltern auflehnt. Aber da sind keine Eltern, deren Regeln ich überschreiten kann.
Also überschreite ich meine eigenen und die der Menschen, die ich mag.
Und manchmal verletze ich sie.
Weil sie eben keine Bäume mit Borke sind.
Weil sie eben nicht einfach eine harte, raue Fläche sind, an der ich mich einfach so schubbern kann, nur weil mir grade danach ist.

Aber so etwas fehlt.
So jemand fehlt.
Aber das ist mein Problem und ich darf nicht anfangen, es zum Problem anderer zu machen.
Das hier ist nicht allein mein Wald.






2. Februar 2014

frankenstein



wie erschreckend wäre es wohl, 
wenn wir uns selbst von außen sähen,
wie wir unseren sonst so klugen kopf
an die schulter eines anderen nähen
und so ein beziehungsmonster erschaffen,
das nur noch symbiotisch existiert,
in dem wissen - und meist auch aus erfahrung,
dass es irgendwann zwangsläufig krepiert.
jede trennung als phantomschmerz,
sich selbst zu verstümmeln bereit,
sind wir angeglichen und angepasst,
amputieren uns unsere eigenständigkeit
und mit wundbrand und im fieber
wird getackert und geklebt
und selbst emotionsnekrose
stets nochmal wiederbelebt.
die maximale nähe erzwingend,
jede weitsicht man verliert,
um zu sehen, zu erkennen,
welches monster man kreiert.
zu welchem monster man selbst wird,
dass man letztendlich nicht erkennt,
dass man nicht zueinander passt
und sich hoffnungslos verrennt,
in den wunsch nach der andern hälfte,
etwas, was zum ganzen fehlt,
dabei wäre zeit zu nehmen,
sich zu geben, das was fehlt.
stattdessen näht und tackert man
sich aneinander fest,
ignoriert das Jucken, dass es scheuert,
dass es nässt.
lieber chronisch unzufrieden
als chronisch allein.
lieber schlecht sitzende prothese
als unvollständig sein.

vielleicht müsste man einfach aufhören
sich als unvollständig, als hälfte zu sehen,
sondern sich als vollständiges ganzes,
doch mit rissen und ecken und kanten verstehen.
es gibt nicht das einzige puzzleteil,
das sich nahtlos in all unsere macken fügt
und wer meint, man müsse nur lang genug warten
oder fieberhaft danach suchen, der lügt.
ich hab selbst so oft daneben gelegen
und habe weiß gott kein rezept wie's gelingt.
auch ich habe todgeweihte monster erschaffen
und weiß nun, dass kleben und tackern nichts bringt.
doch ich will nicht mehr trauriges ausstellungsstück
in meiner eigenen monstershow sein
ich bin lieber zukünftig geduldig und fair
und ehrlich zu mir selbst... anstatt frankenstein.