26. Januar 2014

[sullen sunday]: jenseits meiner Füße

Tschilp-tschilp.
Ich höre Vogelgezwitscher.
Schön, möchte ich zuerst denken, man lebt ja schließlich in der Stadt und am Morgen (a.k.a. Vormittag) gibt es schlimmere Dinge, die man beim Aufwachen hören könnte, z.B. Baustellenlärm oder die Waschmaschine im Schleudergang oder Sirenengeheul oder den Rentnernachbarn von oben, der seinen erwachsenen Sohn zwanzig Minuten lang anbrüllt.
Alles schon gehabt.
Alles schlimmer als Vögel.

Trotzdem bin ich genervt vom Vogelgezwitscher. Denn es erinnert mich daran, dass dieses riesige Altbaufenster in meinem Zimmer nicht richtig schließt und es somit auch im eigentlich geschlossenen Zustand jegliche Geräusche von draußen hereinlässt.
Und Kälte.
Und kalt ist es zur Zeit ziemlich.
Irgendjemand muss seinen Teller nicht aufgegessen oder Petrus geärgert oder irgendein Winter-Comeback-Voodoo-Ritual abgehalten haben...
Jedenfalls ist der Winter jetzt da.

Jenseits meiner Füße schaue ich aus dem großen und leider nicht ganz schließenden Fenster in den Hinterhof und da ist er.
Auf dem Rankgitter mit dem seit Ewigkeiten nicht mehr zurecht geschnittenen Wein. Auf den Fahrradsätteln. Auf dem Wellblechdach. Auf der Mauer zum angrenzenden Schulhof. Auf den Dächern der Nachbarhäuser. Auf den Zweigen der Fünfzehnmeter-Fichten.
Schnee.
Yay.

Er muss in der Nacht gefallen sein und soeben fällt er immer noch ein bisschen in diesen winzig kleinen Rieselflöckchen, die fast aussehen wie Nieselregen.
Vielleicht liegt es am Sonntagmorgentief oder an dem eher trostlosen Ambiente im Hinterhof/Garten, aber irgendwie hat mich der Anblick von Schnee schonmal positiver gestimmt.
Ich liebe zum Beispiel Skifahren, was ja bekanntlich besser mit Schnee drunter funktioniert.
Und als Kind fand man ihn ja auch grandios und hat die Schneetage gefeiert, wie sie fielen.
Ich mag auch immer noch Winterwonderland-Spaziergänge im Wald oder das
Knirschen unter den Füßen, wenn man durch frischen Schnee läuft.
Aber jetzt grade in diesem Moment sorgt der Anblick jenseits meiner Füße allerhöchstens dafür, dass ich mir die Decke noch einmal über den Kopf ziehen und erst wieder aufwachen will, wenn das Vogelgezwitscher den verdammten Frühling einläutet.
Tschilp.
Tschilp.
Tschüss.





20. Januar 2014

erinnerungs-wert

ich erinnere kaum die besonderheiten der wege,
die ich tausendfach ging,
doch den ungewöhnlichen pfad im dunklen
nahm ich wahr mit allen sinnen.

hörte ich hundertfach nette worte,
sie flogen in einem rauschen vorbei,
doch bisher nie gesagtes
flüstert bis heute in meinem ohr.

schallt auch das ganze leben
in harmonischen akkorden,
so ist es die bisher unberührte saite,
die länger nachklingt als alles andere.

betrittst du nicht unentdecktes land,
findest keine weiße flecken auf meiner karte,
hinterlässt du keine knoten in meinen tüchern
und abdrücke in meinem schlamm,
ist es möglich, dass ich,
auch wenn ich nicht will,
dich vergesse, verdränge, verliere.

schleudere meine gedanken in neue richtungen,
wirf meine bisherigen standpunkte um,
zeige mir seiten an mir, die ich nicht kenne,
hinterlasse in meinem leben deine spur
und es ist sicher, dass ich,
ob gut oder schlecht,
die erinnerung an dich bewahre.



 ******

 "sometimes you never know the value of something, until it becomes a memory"

(dr. seuss)










5. Januar 2014

[sullen sunday]: kommerz-schmerz

Manchmal wünsche ich mir, der Junge würde seinem Vater sagen, dass er sich die scheiß Nutellastulle sonst wohin schieben kann.
Einfach so.
Weil er eben morgens um zwanzig vor sieben einfach mal ein kleiner, pubertierender Scheißer ist.

Oder ich stelle mir vor, dass die heile Welt am TV-Frühstückstisch dann den Bach runtergeht, wenn das ungeschickte Kind das kostbare Glas Hohes-C umschmeißt und einem beliebigen Elternteil mal gehörig der Kragen platzt.
 
Vielleicht ruft ja noch jemand außer mir manchmal nach dem glockenhellen Sanostol-Singsang einfach mal herzhaft "Schnauze", weil einem vor lauter Zuckergussfamilienästhetik spontan schlecht wird?
Und warum scheint da eigentlich auch in offensichtlichen Pseudo-Wochenalltagsszenen immer die Sonntagvormittags-Sonne in die Designerküche?

Ich würde so gern sehen, wie der dicke Onkel beim Rügenwalder Mühlenfest sturzbetrunken seine Frau anpöbelt, weil sie nicht genug Leberwurst gekauft hat und die übrige Verwandtschaft deswegen betreten auf ihre Wurststullen guckt.
Und überhaupt... Wurststullen zum Fest.
Großartig.

Oder vielleicht mal einen vorwurfsvollen Blick im Gesicht der ewig grinsenden Rama-Mutti erhaschen, wenn sie ihre Teenagertochter mustert und dann einen hilfreichen Kommentar dazu ablässt, ob diese sich die Margerine wirklich so dick aufs Brötchen schmieren will, wo sie sich doch eben wieder die neuen Jeans gekauft hat?
Das wäre doch mal was anderes!

Das kleine Mädchen würde in ihrer Butterbrotdose keine liebevolle Notiz "du schaffst das schon" finden, sondern von Vati morgens einen Euro für den Bäcker um die Ecke in die Hand gedrückt kriegen.
Weniger liebevoll gemeint versteht sich.
Analogkäsebrötchen und so.

Manchmal wünsche ich mir das.
Statt Kommerz-Schmerz.
Aber nicht-fernsehen hilft.
Yay.

Schönen Sonntag noch...