14. Dezember 2013

Über Vorgartenphilosophien, Briefkastensadisten und warum das Böse neuerdings orange ist

Es gibt Jobs, da lernt man was fürs Leben...
"Oraaaaange trägt nur die Müllabfuhr...lalala!" ^-^
Die letzten dreieinhalb Wochen habe ich für die Entsorgungsbetriebe der Stadt gearbeitet und den Leuten das gebracht, was sie daran erinnern soll, dass sie ja Müll eigentlich trennen und entsprechend getrennt auch entsorgen sollen: Abfallkalender und gelbe Säcke. Also so ne Art Nikolaus...
In grell-orangefarbenen, übergroßen und mit Reflektorstreifen versehenen Jacken rumzulaufen, eine randvoll mit aufgerollten Plastiksäcken bestückte 80-Liter-Tonne hinter mir herzuziehen und sich die Hacken wundzulaufen war zwar jetzt nicht der Weisheit letzter Schluss in Sachen berufliche Neuorientierung, aber es war ja auch nur ein befristeter Job und ich froh, dass ich was halbwegs Sinnvolles zu tun hatte.

Aber was habe ich denn nun in diesen dreieinhalb Wochen gelernt? Tja...
Zum Einen lernt man eine Menge darüber, was diese besondere Art der "Uniform" für Reaktionen bei den Mitbürgern auslösen kann.
Hauptsächlich?
Misstrauen!
Seltsam, aber wahr... wenn man in schrilles Orange gekleidet um eine Eingangstüre herumschleicht, weil man partout den Briefkasten oder etwas ähnliches nicht entdecken kann (dazu gleich noch mehr), dann weckt das beim durchschnittlichen Hausbesitzer anscheinend am ehesten eine der folgenden Assoziationen, die für mich persönlich dann doch eher schwer nachvollziehbar sind:

Ich bin natürlich da, weil ich etwas Böses will, nämlich vornehmlich...
a) ...die Mülltonnen entwenden. - Ich hab ja sonst nix zu tun...und die Dinger müssen natürlich unbedingt verteidigt werden.
b) ...spionieren, ob sich da irgendwer nicht an die Regeln zur Mülltrennung hält.- Big Brother is watching you!
c)...einbrechen/ klauen bzw. Einbruch und Diebstahl planen. - o_O Dazu fällt mir gar nix mehr ein...

Alternativ habe ich dann noch die Reaktion einer Grundschullehrerin (Lieferung einer ganzen Kiste voll gelber Säcke an die Schule) auf meine Frage, ob ich denn mal die Toilette benutzen könne (tatsächlich ein ernstes Problem,wenn man den ganzen Tag draußen unterwegs ist). Ein sehr langer Blick, ein Stirnrunzeln, ein tiefes Luftholen... geschätzte zwanzig Sekunden später ein: "Aber die auf dem Schulhof." als Antwort.
Als Neu-Dienstleisterin fühle ich mich leicht gekränkt, als Ex-Lehrerin frage ich mich, ob man mir allen Ernstes zutraut, dass ich kleine und in leuchtendes Orange gekleidete Person wohl versuche, mit einem Drittklässler unter dem Arm zu verschwinden.
Irritierend.

Zum anderen lernt man die Haus-/Vorgarten-/Eingangsbereichgestaltung der Leute sehr schnell und sicher einschätzen. Gelernt habe ich dabei folgende interessante Fakten, die ich der Übersichtlichkeit halber lieber knapp und durchnummeriert präsentieren möchte, da sie im Fließtext doch einiges an Prägnanz verlieren:

1. Der Briefkasten (alternativ: Die Zeitungsrolle)
Viele Menschen wählen ihre Briefkästen nach rein optischen Kriterien aus. Was zunächst ja auch legitim ist, denn schließlich ist es positiv zu bewerten, wenn sich das gute Stück gestaltungstechnisch in das Gesamtbild eingliedert. Negativ zu bewerten sind allerdings dabei die folgenden Einschränkungen:
a) scharfkantige Sadistenbriefkästen, die entweder von den Eigentümern niemals selbst auf ihre "Einwurfqualitäten" getestet wurden oder gerade aufgrund ihrer bösartig hautaufschlitzenden Eigenschaften ausgewählt wurden.
b) Türschlitzbriefkästen unterhalb einer halbwegs ergonomisch vertretbaren Höhe von 60cm angebracht und mit einem schwergängigen Gusseisernen oder ähnlichem Deckel versehen, die den Einwerfenden nicht nur zu rückenunfreundlichsten Bückvorgängen, sondern auch zum beidhändigen Einwurf zwingen.
c) Form-follows-Function-Briefkästen, die hauptsächlich die Aufgabe erfüllen schön (oder zumindest außergewöhnlich/interessant) auszusehen, darüber hinaus aber leider jegliche Kriterien eines Briefkastens vermissen lassen, z.B.die Aufnahme von Einwurfformaten jenseits des DIN A5 Formats.
d) Eine Unterform von c) bilden die aus dem amerikanischen Raum übernommenen Post-Röhren, die auf den ersten Blick aufgrund ihres Aufnahmevolumens noch einen positiven Gesamteindruck hinterlassen könnten, wenn sie nicht (aus unerfindlichen physikalischen Gesetzmäßigkeiten heraus) sich jeder dauerhaft stabilen Fixierung widersetzen und auf morschen, wackeligen Holzpfählen ein wankendes und schnell materialermüdetes Dasein fristen würden.

2. Der Vorgarten (zur Hölle)
Als Verteiler von Wurfsendungen u.ä. verändert sich sehr schnell der Blick auf die gestalterischen Merkmale von Vorgärten weg von der eigentlichen Ästhetik hin zum effektiven Bürgersteig-Türschwelle-Quotienten. Diesen treiben besonders in die Höhe:
a) Hinterhäuser - Die berüchtigten 14a's oder 25b-f's, die sich entweder im Garten des Elternhauses oder in zweiter Reihe hinter irgendwelchen Altbauten verstecken, von der eigentlichen Straße nahezu unsichtbar (weil ohne Hinweis) und aber stets von engagierten Kleinfamilien bewohnt sind, die auf keinen Fall wollen, dass man ihren 120qm Neubau übergeht.
b) Treppen - Architekten sind Künstler. Das sehe ich ein. Sie bauen lieber außergewöhnliche Häuser in ungewöhnlichen Lagen als den siebzehnten baugleichen Wohnblock oder die fade Reihenhaussiedlung. In die sanften Senken der ostwestfälischen Hanglagen schmiegen sich daher zum Teil Häuser mit solch irrwitzigen Treppenkonstruktionen zu verborgenen Hauseingängen jenseits der vermuteten Eingangslage, die besonders dann außerordentlich vom Verteilenden geschätzt werden, wenn die Witterung den teuren Schlagmichtot-Granit aus Jottwede in Rutschbahnen verwandelt oder man erst nach der kompletten Kletterpartie an der Tür erkennen kann, dass man zu wenig Kalender für die dort vorhandenen Briefkästen mitgenommen hat.
c) verschlungene Pfade - Zwischen kunstvoll zu Kegel, Kugel und Spirale getrimmten Buchsbäumchen hindurch schlängeln sich die im besten Fall halbwegs trittfesten Platten oder schneiden sich alternativ rechtwinklig-zackig durch frischgeharkte Zen-Kiesflächen. Alles nur mit dem einem Ziel: den Weg zwischen Grundstücksgrenze und Hauseingang möglichst eindrucksvoll und möglichst lang zu gestalten. Und der Zusteller jubelt innerlich.
d) Gartentürchen - Dort, wo sie noch in wunderbar spießbürgerlicher Weise erhalten sind, bilden sie eine Barriere entweder zur natürlichen Selektion auf Basis der Intelligenz der Besucher oder zur Belustigung der Anwohner. Für diese stellt die Suche nach Anschlagseite, Öffnungsrichtung, Hebel- oder Schließvorrichtung sowie die Panik der Eintretenden bei der Feststellung, dass man das wackelige oder schlimmstenfalls morsche Konstrukt nie wieder in die Ausgangsstellung bringen wird, mit Sicherheit ein besseres Unterhaltungsprogramm dar als jede nachmittägliche Dokusoap.

3.Des Menschen bester Freund und sein "Herrchen/Frauchen"
Ich mag Hunde. Vielleicht will ich auch mal irgendwann einen Hund. Aber es geht mir mittlerweile fast so wie beim Anblick von Familien mit hoffnungslos nervtötenden Kindern in der Öffentlichkeit: die Angst in Erziehungsangelegenheit ähnlich zu scheitern und einen derartigen Zustand der Unzumutbarkeit zu verursachen wächst und wächst. Für Kinder und Hunde braucht man echt ein Händchen. Für das Fehlen dieses Händchens im zweiten Fall habe ich jetzt mittlerweile reichlich Erfahrungswerte sammeln können.
a) "Hinter-der-Tür-Kapriolen-Springer" - Meist schon beim Annähern (mit dem bollernden 80-Liter-Monster hinter mir zugegebenermaßen keine sehr unauffällige Angelegenheit) oder spätestens beim Öffnen des Briefschlitzes sind sie da. Und ab diesem Moment geht der Zirkus los. Manchmal mischt sich in das ungute Gefühl, wenn die mehr als instabil aussehende Haustüre und den Sprungattacken des Vierbeiners bis ins Mark erschüttert wird trotzdem auch die Besorgnis, dass derart ausdauerndes und aufgeregtes Kläffen und Saltoschlagen nicht gesund für die Herzgesundheit des Tieres sein kann. Besonders mitleidig wird man, wenn das erbärmlich hohe Gekläffe auf irgendeinen hoffnungslos überzüchteten Schoßhund schließen lässt, der - wenn man die Türe öffnen würde - entweder vor Schock spontan einen Infarkt erleiden würde oder aber zumindest vor Nervosität nicht mehr Herr über seine Blasenfunktion wäre.
Wozu sich Menschen mit solch einem Hundeverhalten überhaupt noch eine Türklingel anschaffen, ist mir schleierhaft.
b) "Der Freiläufer" - Wenn ein durchschnittlich über kniehoher Hund quer durch einen Garten oder über einen Hof auf dich zugestürmt kommt und weit und breit niemand Menschliches in der Nähe zu sehen ist, der sich als potentielles Herrchen/Frauchen zu erkennen gibt, dann bleibt dir eigentlich nur die Hoffnung, dass eben diese zuständigen Personen keine unkontrollierbare Bestie unangeleint herumlaufen lassen würden.
Meist stimmt das auch und das stürmische Kerlchen ist ein allerliebster Schwanzwedler oder verzieht sich eben nach anfänglich lautstarker Gebietsmarkierung letztendlich doch kleinlaut in seine Ecke.
Aber dieser erste Moment - manchmal schon,wenn man irgendwo den liebreizend grellgelben Hinweis auf einen Freiläufer entdecken kann - ist einfach sehr, sehr, sehr unangenehm.

Tja... ich habe kurzzeitig überlegt, ob ich beim nächsten Job mal als Zählerstandableserfrau oder ähnliches anheuern soll. Jetzt habe ich ja im "Hausieren" schon ein wenig Vorerfahrung und die Eindrücke waren schon reichlich und vielfältig. Aber irgendwie...

Vielleicht doch als Nächstes mal wieder was ganz anderes.
Büro vielleicht.
Oder Werkstatt.
Oder Backstraße.
Oder Nachtportier.
Oder Maskottchen.
Oder...









2. Dezember 2013

Sturm und Drang [pp33]

manche menschen kleckern in unser leben,
breiten sich dort allmählich, ja gemütlich aus, 
rücken sich einen stuhl zurecht und nehmen platz
füllen diesen platz dann still, angenehm, unauffällig.

wir lassen sie dort, fühlen uns entweder wohl
oder zumindest doch nicht wesentlich gestört
durch ihr dasein, ihre bloße anwesenheit bei uns
und manchmal genießen wir ja auch ihre nähe.

andere menschen wirbeln alles auf wie ein sturm,
bringen unordnung und chaos und verwirrung,
auf einmal sind sie da wie aus dem nichts
und manchmal auch genauso schnell verschwunden.

sie bringen uns durcheinander, aber auch frischen wind,
zerren an unserer geduld, beuteln unsere bequemlichkeit
und obwohl uns bewusst ist, dass sie frei sein müssen
wecken sie den drang sie halten zu wollen.


1. Dezember 2013

emotionale Fehlsichtigkeit

e│mo│tio│na│le   Fehl│sich│tig│keit, die, -en (Neologismus; med.)

Die Empathie und Fremdeinschätzung gegenüber Personen beeinflussende Wahrnehmungsstörung, deren Grad der Ausprägung sowie die Möglichkeit eines chronischen Verlaufs von der individuellen Affektivität dem anderen gegenüber abhängig ist. Es werden vier typische Symptomatiken beobachtet, die sowohl einzeln als auch in Kombination in Erscheinung treten können:

1. Kurzsichtigkeit
Das emotional kurzsichtige Individuum zeichnet sich durch ein hohes Maß an Empathielosigkeit aus und entwickelt aus diesem Unvermögen heraus häufig diverse Probleme auf zwischenmenschlicher Ebene. Je nach Ausprägungsgrad erlebt es diese Komplikationen als belastend (z.B. in Form von "Auf-dem-Schlauch-stehen" oder "Die-Welt-nicht-mehr-verstehen") oder nimmt sie nicht einmal als solche bewusst wahr ("Is-was-Syndrom").
Nicht nur die emotionale Lage von anderen, teilweise sogar nahestehenden Personen einzuschätzen, ist für den Kurzsichtigen extrem schwierig. Oft scheitert er sogar bereits an der Selbsteinschätzung.

2. Weitsichtigkeit
Im Gegensatz zur Kurzsichtigkeit, tritt die emotionale Weitsichtigkeit verstärkt bei Individuen auf, die im Bekanntenkreis generell eher zu den Ratgebern in Gefühlsfragen gerechnet werden. Es gelingt ihnen meist sehr gut aus der Position des angemessenen emotionalen Abstands ("Weite") heraus, Handlungsweisen und Absichten dritter Personen zu analysieren und dem Ratsuchenden - meist einer Person mit nicht ausreichendem emotionalen Abstand zu diesem Dritten - hilfreich zur Seite zu stehen.
Sehr zum Leidwesen des Weitsichtigen kann diese Fähigkeit aber ausgerechnet nicht auf die eigenen zwischenmenschlichen Kontakte und dort entstehende Konflikte angewandt werden, da es dem Betroffenen nicht (oder nur äußerst schwer) gelingt, entsprechenden emotionalen Abstand herzustellen.
Erschwerend kommt in vielen Fällen noch hinzu, dass sich die Weitsichtigen ihrer Fehlsichtigkeit lange Zeit nicht bewusst sind und so ggf.sogar eigene Beziehungen und Freundschaften selbst sabotieren.

3. Star ("Verklärung")
Bei emotionaler Fehlsichtigkeit, die durch einen Star hervorgerufen wird, tendieren die Betroffenen dazu, sich mit übertriebener Zugewandtheit (seltener Ablehnung) nahezu ausschließlich einer Person zu widmen, die ihnen nicht persönlich, sondern lediglich durch mediale Berichterstattung bekannt ist. Die realistische Fremd- und Selbsteinschätzung sind über einen vorher unbestimmten Zeitraum massiv getrübt und werden durch Wunschvorstellungen und Idealisierung ersetzt.
Besonders die Pubertät ist eine Phase mit nicht selten mehrfach aufeinanderfolgenden Phasen der Star-Erkrankung, die sich z.T. gegenseitig ablösen und in der Regel aber mit fortschreitender Reife abnehmen. Aber auch im Erwachsenenalter lassen sich noch zahlreiche extreme Verläufe verzeichnen.

4. Verkrümmung
Bei der Verkrümmung handelt es sich um eine Form emotionalen Fehlsichtigkeit, die für den Betroffenen besonders schwerwiegende Folgen haben kann und für Außenstehende sehr schwer nachvollziehbar ist.
An Verkrümmung Leidenden gelingt es nicht, das Verhalten Dritter auch nur annähernd absichtsgemäß zu deuten. Dies führt dauerhaft zu massiven Alltagsproblemen, wenn z.B. wohlmeinendem Verhalten grundsätzlich üble Absichten zugrunde gelegt werden oder im anderen Extrem selbst hinterhältigsten Schachzügen mit absoluter Gutgläubigkeit begegnet wird.
Prägende Erlebnisse (z.B.in der Kindheit oder als Heranwachsender) können eine dauerhafte Verkrümmung der emotionalen Wahrnehmung begünstigen, deren Behebung meist nur äußerst mühsam erfolgen kann. Nicht selten bleibt die Fähigkeit sich emotional zu binden dauerhaft gestört.