31. Juli 2013

pusteblume


ungeahnt herangeschlichen
scheinbar aus dem nichts
ist die idee gekommen
wie ein flugsamen
still und heimlich
hat sich eingenistet
in meinen gehirnwindungen
und keimt jetzt dort

ich sah sie nicht kommen
doch sah ich sie landen
beobachte sie seitdem
lausche was sie sagt
bestaune ihr wuchern
misstraue ihren absichten
begeistere mich hier
und hinterfrage dort

gießen oder jäten
pflegen oder ignorieren
zu verlieren gibt's nicht viel
zu gewinnen eine menge
so schnell wie sie wächst
könnte sie viel verändern
wenn ich sie lasse
wenn ich mich traue




zusammenflicken [mix/tape]

Irgendwie musste er sich jetzt wieder zusammenflicken An einer neuen, brauchbaren Zukunft basteln. Die Teile aneinanderfügen, die übrig geblieben waren, nachdem man das Unwichtige oder Unschöne weggeschnitten hatte. Sehen, was man aus dem Rest noch so alles machen konnte.
Er war nicht vollkommen abgestumpft, aber er hatte es gehasst so zu sein. Es war ein bisschen schwer zu erklären und er tat sich nicht unbedingt leicht damit, wenn er es versuchte den Menschen um sich herum mit Metaphern zu verdeutlichen. Dass er sich irgendwie ganz unten gefühlt habe und dies jetzt vorbei sein müsse. Dass er damit fertig sei und alle Lasten abgeworfen und begraben habe. Dass das, was war und irgendwie aber auch das, was sein wird, nun erst einmal fort seien.
Aber nicht nur den anderen musste er immer wieder vor Augen halten, was der Sinn des Ganzen war. Auch sich selbst musste er stets wieder gut zureden, weil er nicht wirklich vorangekommen war seit seiner Entscheidung. Es machte keinen Sinn, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Er musste es vergessen, es fühlte sich sowieso schon so an, als ob es weit in der Vergangenheit lag. Er war schon aufgebrochen zu einem neuen Abschnitt, dem Rest seines Lebens.
Die letzten Nähte, die ihn noch an dem Vergangenen festhielten, mussten gekappt werden. Er musste es hinter sich bringen, wie man das Foto einer verflossenen Liebe verbrennt oder vergräbt.
Natürlich hatte er versucht, nach außen hin eine starke Fassade aufrecht zu erhalten. Niemand sollte schließlich mitbekommen, wie unsicher er war. Aber schlussendlich hatte er vorallem sich selbst nichts vormachen können.
Mittlerweile machten ihm Unsicherheit, Angst oder Schmerz aber nichts mehr aus. Wenigstens waren das reale Empfindungen, die man spüren konnte. Und dieses Spüren brauchte er, er wollte es nicht verschwenden. Es schärfte seine Sinne und bereitete ihn auf alles vor, was da noch kommen konnte.
Er hatte viel aufgegeben, was viele nicht verstehen konnten. Sicherheit, ja sogar Liebe. Er hatte es mit Erklärungen versucht, aber jetzt war er damit durch. Das war doch alles nur Gerede.
Nun galt es, die losen Enden wieder zusammenzufügen und zu sehen, was man aus diesem Leben machen konnte. So war das nunmal.


[songgeschichte zu "suture up your future" von Queens of the Stone Age]

27. Juli 2013

Re-verse

 
wehrt dagegen sich man sehr so
verkehrt schlicht es läuft da manchmal
lauf seinen dingen den lässt man
auf hinten von gaul den zäumt und

dumm wie tappt man, nun es ist so
rum dunkeln im dann gründen nach
eingestehen schließlich sich muss und
abzusehen vorfeld im war es

wendet auch man's wie, spannende das
endet wie's, weiß nicht doch man dass, ist
begann man hinten ganz weil nur
an vorne zwingend nicht man kommt

abwartet man dass, nur ja bleibt so
startet ende am man wenn, läuft wie's
steht dann man immer wo, schaut und
weitergeht aus dort von es ob


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26. Juli 2013

das bisschen Wahnsinn [mix/tape]

Ich kann machen was ich will, aber ich bekomme diese Erinnerungen, diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Auf kurz oder lang macht mich das noch wahnsinnig. Ich hab wirklich versucht, das Ganze zu vergessen. Dich zu vergessen. Aber ich fühle mich manchmal, als wäre ich in Treibsand geraten und je mehr ich strampele, um davon freizukommen, desto schneller verschluckt er mich.
Ich kann mittlerweile behaupten, dass ich zumindest einige Dinge jetzt klarer sehe. Ich denke, ich habe verstanden, was du gemeint hast, mit dem was du sagtest.
Aber macht es mir das wirklich leichter? Habe ich jetzt wirklich eine Ahnung, wie das Ganze weitergehen soll und ob? Was ist das hier überhaupt, frage ich mich? Ich bin nicht sicher, ob du überhaupt eine Antwort hättest, wenn wir es tatsächlich einmal schaffen würden darüber zu reden. Ich bin mir jedenfalls überhaupt nicht im Klaren. Vielleicht ist das einfach nur das bisschen Wahnsinn, das mich über Wasser hält.
Wenn ich auf diese widersprüchlichen Szenen zurückblicke, die wir hatten - die guten wie die schlechten - dann scheint es wirklich nicht mit besonders viel gesundem Menschenverstand abgelaufen zu sein. Irgendetwas anderes hatte da die Kontrolle.
Aber ich glaube, mir wird langsam klar, was du brauchst. Ich sehe das Ende des Ganzen auf mich zukommen. Letztendlich dann doch. Ich erwarte nicht, dass du das verstehst oder dass es dich überhaupt kümmert, aber ich habe wenigstens etwas über mich dabei herausgefunden.
Das allein hier reicht mir nicht.
Ich brauche mehr.
Du könntest zu mir kommen.
Du könntest mir das geben, was ich brauche.
Und ja, ich weiß.. vielleicht liege ich komplett falsch und das ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
Aber dass ich mir manche Sachen so sehr in den Kopf setze, ist vielleicht meine Form des Wahnsinns.

[songgeschichte zu "madness" von Muse]

Link zum Video auf YT.
 

22. Juli 2013

irgendwann [mix/tape]

Keine Ahnung, wie viele Jahre es her ist, dass wir gesprochen haben. Ich erinnere mich nicht mehr an den Ort oder den Zeitpunkt, aber an das was du sagtest.
Irgendwann, hast du gesagt, wird es dir auch so gehen und du hattest recht.
Irgendwann wird es dir den Boden unter den Füßen wegziehen. Du wirst das Gefühl haben, dass dir das Herz stehenbleibt, so wie Uhren manchmal stehenbleiben. Und dann wird die Zeit irgendwie nicht mehr von Bedeutung sein, weil sie unberechenbar ist und wichtige Momente vorbeirauschen und Unwichtiges sich ewig hinzieht.
Irgendwann wird irgendwas in deinem Leben wie eine Bombe einschlagen und alles was du bis dahin für wichtig hieltest zum Schweigen bringen.
Du hattest recht.
Damals wollte ich dir nicht glauben. Ich tat dein Gerede leichtfertig ab und du warfst mir vor, dass ich keine Ahnung hätte. Mein Herz sei ja noch nie gebrochen, mein Stolz noch nie verletzt worden. Bis zu diesem Zeitpunkt. Und du hast darauf gewettet, dass ich es irgendwann verstehen würde. Wenn ich gebrochen und verletzt worden wäre.
Ich hatte nie geglaubt, dass es so kommen könnte und dass ich dir einmal so dankbar für deine Worte sein würde. Aber du hattest recht.
Irgendwann, sagtest du aber auch, kommt dann der Moment, in dem du einfach die Augen schließen kannst und feststellst, dass der Schmerz wieder vergehen kann und vergehen wird. Vielleicht wirst du zunächst die Hoffnung aufgeben und ängstlich in die Zukunft blicken, aber das ist in Ordnung. Du wirst daraus lernen und es wird dich stärker machen, als du jemals vorher geglaubt hast werden zu können.
Du hattest recht...



[songgeschichte zu "these days" von den Foo Fighters]

Link zum Song auf YT.

21. Juli 2013

dringend [mix/tape]

Nein, schüchtern bist du nun wirklich nicht. Das würde niemand behaupten, der dich kennenlernt. Du machst eher den Eindruck, dass du schon eine Menge gesehen hast. Spaß haben steht für dich im Vordergrund, du willst leben, feiern, tanzen, lieben, als wenn es kein Morgen gäbe.
Leidenschaft fließt in deinen Adern wie Feuer, aber es verbrennt dich nicht. Du lässt dich von deinen Bedürfnissen, deinen Sehnsüchten leiten. Wenn es dich erwischt hat, kannst du wie wahnsinnig sein und du gibst nicht auf, hörst nicht auf, bis du den Versuchungen nachgegeben hast, die sich dir bieten.

Manchmal hast du diesen Ausdruck in den Augen, der die Frage aufwirft, was da in deinem Kopf noch so vorgeht. Ob es da mehr als eine Person gibt, die deine Gedanken beherrscht. Wer weiß.
Alles was sie weiß ist, dass sie genau weiß, was du brauchst und wie man dich nehmen muss. Und das ist der Grund, warum du mitten in der Nacht ausgerechnet ihre Nummer wählst.
Die ganze Zeit hat sie das Gefühl, dass du sie einer Gehirnwäsche unterzogen hast, weil sie ständig nur an das eine und an dich denken kann. Du bist überall - zumindest überall in ihrem Kopf. In den unmöglichsten Situationen schwirrst du durch ihre Gedanken, bringst alles durcheinander. Machst sie wahnsinnig. Und bist doch schwerer zu bekommen, als alles andere.
Warum sie ausgerechnet hinter jemandem wie dir her ist, kann sie sich auch nicht erklären. Du bist weder besonders liebevoll, noch einfühlsam. Im Gegenteil. Du bist fordernd, extrem in deinen Ansichten und Wünschen und vor allem bist du voll von unkontrollierbarem und unvorhersehbarem Temperament. Man weiß nie, woran man bei dir ist und wie du als nächstes reagieren wirst.
Aber sie ist auch nicht auf der Suche nach etwas, was für immer und ewig halten wird. Das ist es nicht, was du bietest und das hat sie auch von Anfang an gewusst. Sie weiß, was sie will. Was sie von dir will. Und sie will nicht ewig darauf warten. Wenn euch eines verbindet, ihr eines gemeinsam habt, dann ist es das Verlangen nacheinander, das euch ständig und überall zu überkommen scheint. Nur nachkommen könnt ihr dem viel zu selten. Es verzehrt euch, reibt euch beide auf. Bis es entweder vorbei oder nichts mehr von euch übrig ist.


[songgeschichte zu "urgent" von Foreigner]

Der Song auf YT.

20. Juli 2013

Hirn & Herz & Hose

Zwischen Hirn und Herz und Hose
gibt's manchmal auswegslose
Momente, die frustrieren
und echt demotivieren.
Man kennt das ganz genau
und wird trotzdem nicht schlau.


Von Herz, Hose und Hirn
lässt man sich leicht verwirr'n.
Man weiß, sie kriegen Streit,
ist dennoch nicht bereit.
Wenn eins zum andren kommt,
verzettelt man sich promt.


Denn Hose, Hirn und Herz
begründen manchen Schmerz,
der zu vermeiden wär,
fiele es nicht so schwer,
eins davon abzustellen
in den meisten Fällen.


50f - freiheit.


freiheit. - 

den sicheren boden verlassend gehen.
auf dem sprung in ein neues etwas,
das erst noch zeigen muss,
was es werden kann.

alte ruhr - der himmel - juli 2013


Nur noch wenige Bilder, dann ist 50f für mich abgeschlossen. Mehr zum Projekt und alle bisherigen Fotos finden sich HIER.

19. Juli 2013

Im Minenfeld

Manche Menschen bauen Zäune oder Mauern, damit man ihnen nicht zu nahe kommt.
Wenn man ihn kennenlernt, ist davon nichts zu erkennen. Der Weg zu ihm scheint offen und frei und unkompliziert zu sein.
Ja, vielleicht könnte seine Miene einen stutzig machen...sollte es. Aber manchmal will man ja auch gar nicht allzu genau hinsehen. In seinem Ausdruck ist etwas, das andere - besonders Frauen - auf Abstand hält. Nicht offensichtlich. Nicht offen abweisend, aber doch da.
Zäune und Mauern sind ihm fremd. Seine Methode ist auf den ersten Blick subtiler, auf den zweiten aber umso brachialer.
Vor ihm, um ihn herum breitet sich ein Minenfeld aus.
Eine hübsche Ansammlung von zwischenmenschlichen Sprengsätzen, die sofort hochgehen, wenn man bestimmten Gebieten zu nahe kommt. Und er steht seelenruhig in der Mitte und beobachtet das Schauspiel, das ihm diejenigen bieten, die sich hineinwagen.
Seine Reaktionen auf ein Auslösen der Mechanismen sind vielfältig. Mal gleichgültig, mal entrüstet, mal enttäuscht nimmt er die Fehltritte auf, die man sich leistet. Natürlich ist die Schuldzuweisung klar. Wer drauftritt, hat Schuld.
Wie selbstverständlich übersieht er dabei, dass er selbst es war, der die meisten dieser Minen installiert hat.
Ja, er wirkt regelrecht überrascht und beleidigt, wenn man an dieser - seiner - Herausforderung scheitert.
Doch selbst wenn ihm mehr an einer Person liegt, fällt es ihm scheinbar schwer, denjenigen mit einem Plan, mit einer klaren Hilfe oder wenigstens einer Vorwarnung zu versehen, damit er den Weg zu ihm leichter bewältigen kann. Dabei ist es nicht so, dass er sich nicht wünschen würde, dass jemand zu ihm durchdringt.
Doch es widerstrebt ihm, von seinen Schutzmechanismen Abstand zu nehmen.

Wer am Minenfeld scheitert, ist seiner offenbar nicht wert.
Wird aussortiert... weggesprengt.
Und bekommt unfairerweise auch noch den Eindruck vermittelt, er wäre durch das Auslösen der Sprengung auch noch selbst daran schuld, es sich mit ihm verscherzt zu haben.
Unklar bleibt, was er sich erwartet. Jemanden, der mit traumwandlerischer Sicherheit alle Minen umgeht? Wohl kaum, so unrealistisch kann er nicht sein.
Vielleicht wartet er auf die, die nicht nach der ersten, zweiten oder dritten Explosion verletzt davonlaufen und aufgeben. Die hartnäckig und geduldig genug sind, ihm beweisen zu wollen, dass sie ihn wirklich und wahrhaftig kennenlernen und erfahren wollen, auch wenn er es ihnen noch so schwer macht. Keine leichte Aufgabe und nur wenige werden das auf sich nehmen wollen. 
 Bleibt ihm zu wünschen, dass er solche Menschen findet.
Und hoffentlich kann er dann auch beweisen, dass er all diese Mühe auch wert war.

17. Juli 2013

Unitasking

U │ni │tas│king, das, - (Anglizismus)

Im alltäglichen deutschen Sprachgebrauch noch wenig verankertes Antonym zum geläufigeren Anglizismus Multitasking, das entprechend der geschlechterspezifischen Zuordnung als weitgehend männlich einzustufen ist.

Allgemeines:
Unitasking beschreibt die Fähigkeit jediglich eine Sache auf einmal machen zu wollen bzw. die Unfähigkeit mehrere Sachen auf einmal machen zu können (vgl. Multitasking). Nach Geschlechtszugehörigkeit des/der Betroffenen unterscheidet man zwei Formen:

1. Der Unitasker:
Als Mehrheitsvertreter findet der Unitasker für seine singulären Aktivitäten meist schnell Gleichgesinnte, die sich mit ihm gemeinsam - und nur strikt nacheinander - typischen geselligen Unitasking-Disziplinen wie Fußball, Biertrinken oder Automobilprahlerei (alternativ Modelleisenbahnbau) hingeben.
Unterbrechungen (meist Versuche des weiblichen Geschlechts, simultan Antworten zu erhalten oder Dienstleistungen im Haushalt einzufordern) werden meist durch Verhaltensformen wie Gleichgültigkeit, Gereiztheit oder im Extremfall auch cholerische Anfälle abgewendet.
Noch extremer äußert sich das Dilemma des Unitaskers aber in von ihm als existentiell angesehenen Situationen, in denen er quasi-fundamentalistisch jegliche Hinwendung zu anderen Dingen kategorisch ablehnt bzw. auch nicht dann zu leisten in der Lage ist, wenn er es wollte.

2. Die Unitaskerin:
Als Minderheit in ihrer Geschlechtergruppe trifft sie ein fast noch härteres Schicksal als den soeben erwähnten existentiellen Typus des Unitaskers. Da sie sich dem ständigen multiplen Leistungsdruck der Gesellschaft und besonders ihrer Geschlechtsgenossinnen ausgesetzt sieht und sich aufgrund der von dieser Gruppe vorgelebten (scheinbaren) Perfektion selbst als Mängelexemplar deklassiert fühlt, versucht die Unitaskerin häufig ihr Unvermögen zu kaschieren.
Beliebtes Mittel dabei  ist die Durchführung von Pseudoaktivitäten (z.B. Schein-Telefonieren, augenscheinliche Teilnahme am Straßenverkehr) bei ansonsten absoluter Konzentration auf die eigentliche Kerntätigkeit (z.B. Fernsehen, Tagträumen, Gedankenmachen).

Während der Unitasker als Mehrheitswesen auf sein Anrecht auf Singulärtätigkeit pocht und dieses sogar als geschlechtsspezifisches Wesensmerkmal oder gar Charakterstärke klassifiziert (vgl. Selbstbeweihräucherung), ist es arttypisch für die Unitaskerin sich ihr selbsterlebtes Defizit möglichst nicht anmerken zu lassen oder es gegebenenfalls mit dem Einfluss von Krankheit oder hormonellem Ungleichgewicht (vgl. Horrormone) zu rechtfertigen.

16. Juli 2013

Mit Nachdruck [mix/tape]

"Du weißt, dass ich dich nächstes Jahr gern wiedersehen würde oder?"
Ihre Stimme war nicht viel mehr als ein Flüstern und im dämmerigen Licht des anbrechenden Tages konnte er den Blick in ihren Augen nicht ganz deuten.
Er schloss die Augen wieder und legte den Kopf in den Nacken. Sie lag halb neben ihm, halb auf seiner Brust und musterte sein Gesicht, das ihr seltsam vertraut war, obwohl sie sich erst so kurz kannten.
"Dann hoffe ich mal, dass ich dann noch am Leben bin.", witzelte er.
Doch als sie hörbar den Atem einzog, stockte ihm das Lächeln auf den Lippen. Er schlug die Augen auf und war überrascht, wie nah sich ihre Gesichter waren. Ihre Augen unmittelbar vor seinen, ihr Mund leicht geöffnet. Ein stummes Fragezeichen lag darauf.
"Das war ein Scherz.", murmelte er. "Es geht mir gut."
Ihr Stirnrunzeln verriet ihm, dass er sie nicht vollständig überzeugt hatte. Zwischen ihren Augenbrauen zeichnete sich eine erste kleine Falte ab und ließ erahnen, dass ihr dieser nachdenkliche Gesichtsausdruck doch öfter im Gesicht stand, als ihr unkompliziertes und lockeres Kennenlernen es hätte vermuten lassen. Da steckte definitiv eine Grüblerin hinter dem sonst so befreiten Lächeln und dem fast schon losen Mundwerk.
Und als ob es ansteckend wäre, ertappte er sich dabei, dass er in diesen wenigen Stunden seit sie in sein Leben gestolpert war, auch mehr über sich selbst nachgedacht hatte, als in den vielen Wochen zuvor zusammengenommen. Nicht alles gefiel ihm, was er dort über sich selbst erkannt hatte.
Er hob die Hand zu ihrem Gesicht und ließ einen Finger über diese Grübelfalte gleiten, bis sie sich entspannte und die Falte bis auf eine kaum zu erahnende feine Linie verschwand. Ihre Augen waren nun geschlossen, wie schon einige Male zuvor an diesem Abend, wobei es dieses Mal endlich ein vollkommen entspannter Ausdruck in ihrem Gesicht zu sein schien.
Unter ihrer lockeren und aufgeschlossenen Fassade hatte er erst wenige Augenblicke zuvor eine weitaus weniger entspannte Frau entdeckt, die zwar bereitwillig mit ihm gegangen war, im entscheidenden Augenblick wohl aber etwas vor ihrem eigenen Mut zurückschreckte. Was auch immer Ungeahntes in ihrem Kopf vorging, das sie daran hinderte vollkommen loslassen zu können, forderte ihn insgeheim heraus, gerade dieses Loslassen herbeiführen zu wollen. Ihr Körper, der schon so eindeutig auf ihn reagiert hatte, begeisterte ihn zu sehr, als dass er sich von den Hindernissen in ihrem Kopf wollte aufhalten lassen.
"Ja, ich würde dich auch gern nächstes Jahr wiedersehen.", fügte er hinzu und ließ seine andere Hand zielgerichtet ihren Rücken hinuntergleiten. "Aber wie wär's, wenn wir uns erst einmal mit diesem Jahr beschäftigen?"
Mit einem Laut, halb Seufzen - halb Kichern, legte sie die Stirn auf seine Brust und er konnte ihren Atem durch sein T-Shirt spüren als sie ihm antwortete:
"Wenn du mich bis dahin am Leben lässt..."

Es wäre zu viel gewesen zu behaupten, dass er sich darüber wirklich klare Gedanken gemacht hätte, aber als sie sich verabschieden wollte und er sie mit seinem Körper in die Ecke neben der Eingangstüre gepresst hielt und sie küsste, funkten immer wieder die gleichen Gedankenfetzen durch seinen Kopf. Was könnte wohl noch passieren, wenn er dem Ganzen hier etwas mehr Nachdruck verleihen würde? Wäre sie dann doch bereit weiter zu gehen, als sie es bisher waren? Die Neugierde brachte ihn fast um.
Er konnte spüren, dass sie fast bereit war, sich an diesen Moment zu verlieren. Ihr Atem ging ebenso stoßweise wie seiner, ihre Hände suchten irgendwo an ihm Halt. Er konnte spüren, wie sie einige Zentimeter unter ihm absackte, weil ihre zittrigen Knie unter ihr nachgaben, als er sie wieder berührte.
Am liebsten hätte er wieder und wieder von vorne begonnen, bis sie endlich in der Lage wäre, sich vollkommen fallen zu lassen. Aber obwohl er selbst den Druck kaum noch aushalten konnte, hielt ihn irgendetwas davon ab, im Gegenzug mehr Druck auf sie auszuüben. Natürlich hätte ihm das Befriedigung und Erleichterung verschafft, doch das war seltsamerweise dieses Mal nicht das Einzige, an das er denken konnte.

Als sie dann schließlich doch ging, war es nicht viel weiter gegangen. Er hatte es nicht darauf ankommen lassen und nur wenige Minuten, nachdem sie sich äußerst schwer von ihm verabschiedet hatte, erreichte ihn eine Nachricht.
"Du weißt, dass ich dich nicht erst nächstes Jahr gern wiedersehen würde oder?"
Hinter die Nachricht war noch ein Smiley getippt. Dafür war sie eigentlich schon zu alt, aber er konnte sich auch nicht nur deswegen ein Grinsen nicht verkneifen. Mit dem gleichen Finger, der soeben noch ihre Sorgenfalte weggewischt hatte, tippte er auf das Display.
"Geht mir genauso. ;) "



[songgeschichte zu "apply some pressure" von Maximo Park]

Link zum Song auf YT

15. Juli 2013

Sabotage!

Nein, Geduld ist nicht gerade meine Stärke. Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen und Anpassungsfähigkeit... hab ich, kein Problem. Aber Geduld?
Es macht mich wahnsinnig, wenn sich Dinge nicht bewegen. Sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne.
Im ersteren Fall mag das ja noch harmlos und für den Beobachter von außen belustigend sein. Warteschlangen an Kassen und Schaltern lassen mich zum Zappelphilipp mutieren, akustisch ansprechend hinterlegt mit einem demonstrativen Seufzen oder einem genervten Murmeln über das offensichtliche Unvermögen von Dienstleistern.
Zu kurze Ampelphasen, zähfließender Verkehr oder gar Stau treiben mich an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Zum Glück bin ich meist allein in meinem Auto unterwegs und niemand bekommt meine verbalen Entgleisungen hinterm Steuer mit.
Geräte, Automaten und Werkzeuge, die länger als erwartet oder gewünscht für die jeweilige Aufgabe benötigen, werden in der Regel mit frustrierten Beschimpfungen bedacht oder gegebenenfalls auch mal durch Schlagen, Treten oder Schubsen zu mehr Tempo animiert. Ja, alles irgendwie noch ganz niedlich bei einer kleinen Person wie mir.

Weniger niedlich wird es allerdings, wenn es im übertragenen Sinne um Dinge geht, die sich nicht bewegen beziehungsweise nicht so schnell vorankommen, wie ich es gerne hätte. Wenn Entscheidungen nicht mehr in meiner Hand liegen und ich zum Abwarten verdammt bin, haben Verhaltensforscher ihre wahre Freude an mir. Je nachdem wie viel mir an einem Fortschreiten der Ereignisse gelegen ist, beobachte ich an mir selbst teilweise fast schon paranoide Züge. Da werden E-Mail-Konten fast minütlich überprüft, Briefkästen zweimal am Tag geöffnet oder Leute so lange mit Nachrichten zugepflastert, bis ich eine (bestenfalls die gewünschte) Reaktion erhalten habe.
Und ich erkenne mich selbst nicht wieder in diesen Momenten. Das ist das Schlimmste.
Läuft alles wie gewünscht, flüssig und unkompliziert, bin ich die entspannteste Zeitgenossin, die man sich vorstellen kann. Ich gehe die Dinge relaxt an, stresse nicht rum, freue mich des Lebens und lasse alles auf mich zukommen.
Aber alle Selbsterkenntnis hilft mir nicht weiter, wenn ich zu diesem selbstgemachten Stress-Monster mutiere, das die Unkontrollierbarkeit der Dinge als persönlichen Kreuzzug wahrnimmt und - was alles noch schlimmer macht - die gewünschte Entwicklung und damit auch sich selbst sabotiert.

Es gibt Situationen, da ist ein bisschen Druck in die gewünschte Richtung genau das Richtige. Es gibt aber auch Momente (oder Menschen), bei denen ich genau weiß, dass ich genau das Gegenteil erreichen werde, wenn ich versuche, die Dinge voranzutreiben. Als wenn ich ein randvolles Glas vor mir stehen habe und hundertprozentig sicher sein kann, dass ein einziger Tropfen mehr eine riesige Schweinerei verursachen wird. Und ich kann mir fast ebenso sicher sein, dass ich trotz dieses Wissens noch einen Schluck nachgießen werde. Ich weiß nur nicht genau, warum ich das tue.
Vielleicht, weil mir selbst die Schweinerei, die negative und endgültige Reaktion immer noch lieber ist als gar keine. Vielleicht brauche ich die Gewissheit so sehr, dass ich mich mit Enttäuschungen arrangiere, die eventuell nicht zustande gekommen wären, wenn ich meine Ungeduld unter Kontrolle gehabt hätte.
Jede selbstgemachte Enttäuschung ist dann schon einen harte Lektion in Sachen Selbsterkenntnis...

...aber irgendwann werde ich es vielleicht lernen.

14. Juli 2013

Abschied [pp33]

manchmal muss man gehen
manchmal gehen lassen
zeit bleibt manchmal stehen
und bilder verblassen

was man sicher wähnt
ist nicht selten nichtig
was man sich ersehnt
ist nicht immer richtig

manchmal geht nur ein teil
ein andrer bleibt da
was zerbricht, was bleibt heil
was wird sein und was war

manchmal lässt man gehen
manchmal hat man glück
gibt's kein wiedersehen
oder doch ein zurück


 
 


Nach Mitternacht [mix/tape]

Dieses Gefühl am Rande eines Abgrunds zu stehen, kannte er und er mochte es. Es war dieser kleine Rausch der Gefahr, den man bekam, wenn man sich ganz nah an den möglichen Tod heranwagte. Selbst wenn man es nie wirklich in die Tat umsetzen würde. Dieser winzige Kick war ein bekanntes Gefühl.
Er war wie das Gefühl, das er hatte, wenn er an sie dachte und daran, wie sie ihn in den Wahnsinn trieb.
Wenn sie sich so wie jetzt auf die Lippe biss und er in ihren Augen sehen konnte, wie sie still in sich hinein grinste, fühlte er sich genau an diesem Abgrund stehen.

Sie hatten nie darüber gesprochen, dass es etwas Dauerhaftes sein würde zwischen ihnen. Irgendwie glaubte er auch nicht daran, dass es zwischen ihnen besser werden würde, als bisher. Es kam ihm vor, wie ein ewiger Anfang von etwas, das sich aber nie wirklich weiter entwickelte und dessen Ende nicht mehr allzu weit entfernt zu liegen schien.
Und doch wollte er es festhalten, wollte dort bleiben, wo sie waren.

Nach Mitternacht schwankten sie gemeinsam nach Hause, schliefen Arm in Arm im Treppenhaus ein, weil sie den Schlüssel nicht finden konnten. Keine Seltenheit. Solche Nächte schienen sich immer und immer wieder zu wiederholen.
Was er auch versuchte, er bekam ihre Stimme nicht mehr aus dem Kopf.
Wie ein Chor hallten die Echos ihrer gemeinsten Worte an ihn dort wider und das ließ ihn schier verrückt werden.
Wenn er ehrlich zu sich selbst war, konnte er eigentlich nichts Gutes an all dem finden.
Aber dennoch hielt er immer Ausschau nach ihr, egal wo er war.
So verrückt das auch war...Sie fehlte ihm.


[Songgeschichte zu "after midnight" von Blink 182]

Link zum Song auf YT

12. Juli 2013

Betrunken [mix/tape]

Sie öffnete die Augen und brauchte einen kurzen Moment, um sich in diesem dämmerigen, fremden Zimmer zurecht zu finden. Sie lag auf der rechten Seite des Bettes. Des falschen Bettes. Und sie wünschte sich, sie wäre immer noch betrunken, so wie gestern Nacht.
Egal, welche Ausrede sie sich auch zurecht legen würde, die Wahrheit würde dadurch nicht angenehmer werden. Was einen nicht umbringt, macht einen härter. Warum sagten die Leute nur immer diesen Spruch? Sie hatte ihn nie verstanden, hatte nie das Gefühl gehabt, dass dieses grandiose Scheitern sie jemals irgendwie stärker gemacht hätte. Es tat weh, es machte schwächer und jedesmal schienen die Wunden, die Narben schlechter zu heilen.
Sie setzte sich am Rand des Bettes auf und blickte auf die andere Seite hinüber. Er lag auf dem Bauch, den Kopf in ihre Richtung gedreht. Sein Gesicht sah friedlich aus, wenn er schlief. In der Nacht war sein Blick noch irgendwie glasig gewesen, vermutlich vom Alkohol. Der Ausdruck in seinem Gesicht voller Leidenschaft. Nun waren seine Haare zerzaust, trotz Bartschatten wirkte er plötzlich jung und seltsam unschuldig. Kein Vergleich zu dem Mann, der diese Decken mit ihr zerwühlt hatte. 
Plötzlich wünschte sie sich, sie wären beide nüchtern gewesen, hätten das Erlebte auch wirklich "erlebt". Dann hätte er sie vielleicht auf andere Art gehalten. Auf eine Art, die jetzt nicht diese Leere in ihr hinterlassen hätte.
Als sie in ihre Wohnung zurückkehrte, wurde ihr wieder bewusst, wie kalt und leer die Räume jetzt wirkten. Sie fröstelte und suchte nach einem wärmenden Pullover im Schrank. Die Erinnerung an die letzte Nacht war zu flüchtig, zu verschwommen, um sie innerlich zu wärmen.
Vielleicht sollte sie sich einfach wieder betrinken. Vielleicht könnte sie dann wieder etwas Ähnliches spüren wie Liebe. Das war einfacher, als nach etwas Echtem zu suchen.
Sie dachte daran, ihn anzurufen. Sie könnte ihn fragen, ob er schon Pläne für's Wochenende hätte, ob er sich mit ihr Treffen würde. Einfach nur Reden. Es freundschaftlich angehen lassen. Auch wenn sie wusste, dass das zwischen ihnen nie so sein würde, wie es nötig wäre, um ihr Herz zu erwärmen. Es war heiß, aber nicht wärmend. Eine Flamme, die brannte und auch irgendwie verbrannte. Was zurückblieb waren seltsame Narben, die einen harmlosen Eindruck machten und dennoch irgendwie nicht richtig heilen wollten. 


[Songgeschichte zu "drunk" von Ed Sheeran] 
Link zum Song auf YT


50f - wärme.



wärme. - 

in feldern aus gold singen grillen.
am liebsten würdest du chillen,
doch freunde rufen zum grillen.
dich aufzuraffen braucht willen.

mündelheim - weizen - juli 2013

11. Juli 2013

... Leben zieht vorbei [mix/tape]

Wir sitzen auf der alten Hollywoodschaukel. Es quietscht leise, während sie hin und herschwingt. Die Sommernacht ist stockdunkel und ansonsten absolut still. Das Leben zieht an uns vorüber.
Wir reden miteinander. Seit Stunden. Und dennoch frage ich mich, ob du mich laut und deutlich hören kannst oder ob meine Stimme irgendwo zwischen uns verloren geht? Verstehst du überhaupt was ich sagen will?
Ich hatte lange gedacht, dass wir uns näher kommen würden. Doch jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Ist es nicht eher so, dass wir uns immer mehr verlieren? Bringe ich dir nicht eher Unglück als Glück?
Wir reden. Aber so wirklich etwas sagen tun wir nicht. Es ist, als ob wir darauf warten würden, dass der andere sich zuerst äußert und wirklich etwas von sich preisgibt.
Wie zwei alte Veteranen zeigen wir uns unsere Narben, vergleichen sie und streiten darüber, wer die schlimmeren davongetragen hat in der Vergangenheit.
Wie gerne würde ich einige Seiten aus diesen Kapiteln meines Lebens herausreißen und sie mit dir gemeinsam neu schreiben. Aber das ist unmöglich. Gelebtes Leben kann man nicht zurückspulen, nicht ändern. Auch wenn man es sich noch so sehr wünschen würde, es mit jemand anderem nochmal auf Repeat laufen zu lassen.
Ich schaue dich an, dann schaue ich auf die Veranda, die im Schwung der Schaukel in meinem Blickfeld auf- und abtaucht. Bald wird der Sommer vorbei sein. Es kommt mir in den Sinn, dass ich schon viel zu lange hier bin und es an der Zeit ist, fortzugehen. Doch irgendwie will ich diese Straßen nicht ohne dich überqueren. Ich will dich dabei haben.
Wir sollten einfach unsere Tasche packen und von hier verschwinden. Auch wenn ich einige der Freunde, die ich hier gefunden habe, erst so kurz kenne, haben wir doch Zeiten und Dinge miteinander erlebt, die ich für nichts in der Welt eintauschen würde. Jedesmal wenn wir uns sehen, lassen wir diese Momente Revue passieren und schwelgen in Erinnerungen. Die kann mir keiner nehmen.
Mein Leben hier ist simpel und während ich mit dir auf dieser Schaukel sitze und durch die Nacht schwinge, zieht es an mir vorbei.
Ich brauche nicht viel.
Wenn die Liebe wie Arbeit wäre, würde ich mit dem Mindestlohn auskommen.
Ja, ich würde sogar umsonst arbeiten, bis zum Schluss.


[songgeschichte zu "swing life away" von Rise Against]

Mehr zur Idee des mix/tapes gibt es hier.
Den Song auf YT hier.

Naturgewalten [pp33]
















Ich bin der Regen.
Ich kann angenehm und erfrischend sein,
wenn du mich willkommen heißt.
Aber manchmal weiß ich nicht,
wann es genug ist.
Dann überschwemme ich dich,
stehe dir bis zum Hals,
ertränke dich möglicherweise.

Ich bin der Wind.
Ich wirbele durch dein Leben,
halte dich in Schwung.
Aber wenn du mich reizt,
gewinne ich an Stärke.
Ich stelle mich dir entgegen,
gehe auf Konfrontation
und trage dich fort.

Ich bin der Fluss.
Ich bringe dich weiter voran,
wenn du in meine Richtung willst.
Aber ich halte nicht für dich an,
lasse mich nur schwer aufhalten.
Ich gehe immer meinen Weg,
breche zur Not deine Dämme
und reiße dich mit bis zur Mündung.

Ich bin der Vulkan.
Ich biete dir fruchtbaren Boden
für deine Ideen und Träume.
Aber ich bin unberechenbar,
meine Ausbrüche nicht vorherzusehen.
Ich brenne für das, was ich tue,
rauche manchmal vor Wut
und kehre mein Innerstes nach außen.

Ich bin Blitz und Donner.
Ich kann ein Schauspiel sein,
faszinierend und laut.
Aber ich stehe unter Spannung,
betäube deine Ohren.
Ich setze dich unter Strom,
aber wenn du es überlebst mit mir,
kannst du sagen, du hast was erlebt.



Mehr zum Poesie-Projekt PP33 gibt's hier.

10. Juli 2013

Unklartext

Er findet seinen Weg über deine Lippen, tippt sich in dein Handy, schreibt sich in Nachrichtenfenster und E-Mails.
Wenn du nicht weißt, was du willst oder welche Entscheidung die richtige ist, tropft er so leicht von deiner Zunge, dass du manchmal gar nicht bemerkst, dass du ihn ausgesprochen hast. Dann hängt er im scheinbar luftleeren Raum, verteilt sich fast schon osmotisch und fließt in jede noch so kleine Hirnwindung derer, für die er bestimmt ist. Darüber, wohin er geht, hast du in dem Moment die Kontrolle verloren, als er dir so unbedarft entkam.
Aber auch wenn du genau weißt, was du willst, ist er ein bequemes Mittel zum Zweck. Mal unbewusst, mal gezielt eingesetzt, soll er die Klippen des möglichen Konflikts umschiffen. Er entzieht Entscheidungen die Schwerkraft, hält sie in der Schwebe, bis du - oder besser noch jemand anderes - bereit ist, sie zu treffen.
Anderen gegenüber hält er auf wunderbare Weise deine Weste sauber. Dank ihm bist du niemals wirklich festgelegt, alle Möglichkeiten stehen dir offen. Jedenfalls so lange man bereit ist, sie dir offen zu halten. Manchmal sonnst du dich geradezu auch in den Deutungen und Fehlinterpretationen der anderen, die versuchen aus ihm schlau zu werden. Ihr Strampeln, ihr Scheitern amüsiert dich.

Auf sich selbst angewendet jedoch ist er gefährlich. Er behindert dich, lähmt dich darin, Dinge zu tun, die Spontaneität erfordern und die dein Leben bereichern und voranbringen könnten. Der Mut, den es kostet, den Fokus deiner Linse auf das Leben von unscharf auf scharf zu stellen und genau hinzusehen, was deine Entscheidungen mit sich bringen, wird sich tausendmal bezahlt machen. Wenn du ihn findest.

Ein Ja oder ein Nein gehen immer einen Schritt.
Ein Vielleicht oder ein Schweigen bleiben immer stehen.

5. Juli 2013

Horrormone

Hor │ror │mo │ne, die, Plur. (Neologismus)

In der Kategorie der lebenswichtigen körpereigenen, biochemischen Botenstoffe werden die Horrormone als Sonderform der in Allgemeinheit bekannteren Hormone fachwissenschaftlich eingeordnet und in weitere Untergruppen klassifiziert.
Während Hormonen generell wichtige Regulierungsfunktionen zugeordnet werden, gelten die Horrormone klassisch als die natürlichen Antagonisten jeglicher Regulierung. Sie bringen im Gegenteil alles durcheinander, was in ihrer biochemischen Macht steht. Besonders bekannt dürften - zumindest von ihrem Wirkungsgrad aus gesehen - die folgenden Horrormone sein:

1) Das Monstruations-Horrormon PMS1
Erst kürzlich von führenden endokrin-gynäkologischen Forschungsteams ermittelt, löst PMS1, die gefürchtete Poly-Monstruöse-Störung beim weiblichen Geschlecht aus. Diese macht sich durch periodisch auftretende Symptome wie Grantigkeit, Unberechenbarkeit und getrübte Selbst- und Fremdwahrnehmung bemerkbar und gilt lediglich als behandel-, aber nicht dauerhaft heilbar.

2) Das männliche Sexual-Horrormon Stresstosteron
Das Vorkommen dieses Horrormons führt in beiderlei Richtungen - Mangel und Überschuss - zu tückischen Verhaltensänderungen beim Sexualtrieb des Mannes. Eine Unterversorgung, meist bedingt durch verdrängten psychischen oder physischen Druck, führt zur akuten Einschränkung der Leistungsfähigkeit bei gleichzeitig gesteigerter Libido. Andersherum äußert sich ein zu hoher Stresstosteron-Wert in Form von nervtötendem Balzverhalten und Imponiergehabe gegenüber dem weiblichen Geschlecht und möglichen Nebenbuhlern, oft auch verbunden mit erhöhter Gewaltbereitschaft.

3.Das Schilddrüsen-Horrormon Therrorxin
Eine Unterversorgung mit diesem Horrormon hat die weitreichendsten Folgen für Wohlbefinden und Psyche des Betroffenen. Mangelerscheinungen äußern sich in Form von umfassenden Phlegma-Anfällen und klinischer Prokrastination, welche nicht selten eine chronische Versumpfung und (nicht nur durch die üblicherweise auftretende Gewichtszunahme) das Einbüßen der Selbsterkennung zur Folge haben kann.



4. Juli 2013

Poker (2008)

Vorerst der letzte Rückblick von 2008. Mit der Menge an Metaphorik nicht mehr hunderprozentig mein Geschmack, aber da das Gefühl von damals beim Durchlesen sofort wieder nachvollziehbar wurde, für mich dennoch stimmig und einen Re-Post wert.


Poker
Ein Glücksspiel, sagten die Laien. So wie sie. 
Strategie, Erfahrung und Können sagten die anderen. So wie er. 

Was auch immer es war. Ein Spiel war es in jedem Fall. Und sie hatte anscheinend keinen blassen Schimmer davon, wie sie es am besten und geschicktesten Spielen sollte.
Gewinnen wollte sie, das war klar. Leider wusste sie nicht, ob ihr Blatt gut war. Sie wusste auch nicht, wie gut seine Karten waren, denn sein Pokerface war perfekt. 
Er beherrschte dieses Spiel entweder sehr gut (was sie annahm) oder er hatte extrem gute Karten. 
Es hätte natürlich unfairerweise auch beides der Fall sein können. 
Man sollte aber dazu sagen, dass sie freiwillig hier am Tisch saß und mitspielte. Sie war aus freien Stücken hier und hatte – zugegebenermaßen nicht sehr vorsichtig – schon eine ganze Menge aufs Spiel gesetzt. 
Die Einsätze waren geradezu unverschämt, ja fast schon lächerlich hoch. Angesichts der Tatsache, dass sie etwas ganz anderes geplant hatte, ein harmloses Spielchen zum Kennenlernen, mit niedrigen Einsätzen, war das hier ziemlich außer Kontrolle geraten. Zumindest aus ihrer Kontrolle.
Er wiederum saß ganz ruhig da. An seinem Gesicht, seinen Gesten, seinen Worten konnte sie nicht erkennen, wie seine Chancen standen. Manchmal glaubte sie darin ein wissendes Lächeln zu erkennen. Ein Lächeln, das sagte, dass er sie und ihre fadenscheinigen Bluffs bereits lange durchschaut hatte. 
Die kühne Fassade, mit der sie diese hohen Einsätze auf den Tisch gelegt hatte, schien längst zu bröckeln. Manchmal hatte sie aber auch den Eindruck, dass ihr dieses Lächeln etwas ganz anderes sagen wollte. 
Dass sie eine Chance hatte zu gewinnen, dass er sie vielleicht sogar gewinnen lassen würde. Oder dass dieses Zucken am Auge vielleicht zu bedeuten hatte, dass der Gedanke an seinen Einsatz ihn genauso und aus dem gleichen Grund ins Schwitzen brachte wie sie.

Gewinnen wollte sie, das war klar... oder doch nicht? 
Wollte sie wirklich diesen Pott haben? 
Wollte sie wirklich, dass er mit offenen Karten spielte? 
Wollte sie wirklich wissen, mit welchen Einsätzen er tatsächlich spielte? 
Sie wusste es nicht. 

Die Gewissheit, dass dieses Spiel irgendwann enden musste, dass es nicht ewig andauern konnte, war einerseits erlösend, andererseits machte sie ihr Angst. Die Anspannung mit diesem Blatt hier zu sitzen, es nicht mehr austauschen zu können. Die Einsicht, dass sie sich da auf etwas eingelassen hatte, ohne zu wissen, worauf es hinauslaufen könnte. All das trug nicht gerade dazu bei, dass sie sich wohler fühlte.
Sie pokerten beide hoch. 
Trotzdem schien es ihr, dass er mit seinen Einsätzen stets noch auf der sicheren Seite blieb. 
Sie hatte diese Grenze dummerweise längst überschritten. Aller guten Vorsätze zum Trotz war sie volles Risiko gegangen, hatte versucht zu bluffen, hatte versucht, ihre Karten und Chancen abzuwägen. 
In einem ziemlich schwachen Moment musste es ihr das Risiko wert gewesen sein, All-In zu gehen. 
Weiß der Teufel, was sie da geritten hatte... im Moment jedenfalls war sie mehr als verunsichert. 
Er dagegen zuckte nicht einmal mit der Wimper. Das hier schien ihn ziemlich kalt zu lassen und dafür bewunderte sie ihn.
Gleichzeitig stieß es sie allerdings auch ab. So sehr sie sich genau in diesem Moment gewünscht hätte, es ähnlich abgeklärt und nüchtern zu sehen, so sehr sträubte es sich auch in ihrem Inneren gegen diese Vorstellung. 
Sie fragte sich, wie sie von dieser Präsenz gleichzeitig so angezogen und abgestoßen werden konnte und ob sie nicht im Grunde mittlerweile schon etwas Ähnliches verkörperte. Zweifel überkamen sie und der Wunsch einfach auszusteigen. 
Wenn das nur ginge. Wenn sie nur sagen könnte „Ach nein, das ist doch nichts für mich.“. Wenn sie einfach ihren Einsatz vom Tisch hätte nehmen und gehen können. Aber das ging nicht. Da lag er und sie konnte nicht zurücknehmen, was sie gesetzt hatte. Jetzt auszusteigen, würde sie mehr als nur ihren Stolz kosten.
Also saß sie es aus. Sie zögerte es hinaus, sie versuchte zu bluffen, aber es gelang ihr nicht. Sie hatte ehrlich gesagt nicht die leiseste Ahnung, ob ihre Karten tatsächlich so gut waren, wie sie dachte. Sein Blatt musste jedenfalls gut sein, das wusste sie. Oder besser gesagt, sie hatte es im Gefühl. 
Er spielte die Damen. Mindestens zwei davon. Er war selbstsicher, unbeirrbar, seine Strategie schien zu stehen. Sie wünschte sich, sie würde sie kennen. Aber es war immer noch das selbe Spiel und das lebte davon, dass man die Karten des anderen bis zum Schluss nicht kannte.

Irgendwie war Pokern ein Spiel für Lügner. Für Menschen, die sich gut verstellen konnten und wussten, wie man anderen etwas vormacht. Für Menschen, die sich selbst nie bloßstellten, ihre Tricks und Strategien nie ausplaudern würden. 
Also im Grunde kein Spiel für sie. Sie war zu direkt, zu offen, zu unkontrolliert und emotional dafür. In vielen Situationen im Leben war das gut, aber beim Spiel..?
Vielleicht hätte sie nicht gleich in ihrer ersten Partie gegen jemanden antreten sollen, der über seine Erfahrungswerte verfügte. Aber sie hatte gedacht, von ihm könnte sie am meisten lernen.
Sie hatte auch viel gelernt, vor allem war ihr aber auch klar geworden, dass sie nicht gegen ihn verlieren wollte. Dass sie sich viel mehr sogar wünschte, dass er sie gewinnen ließ oder dass sie ihn überraschend sogar schlagen konnte. 
Die Chancen dazu standen vermutlich geradezu lächerlich gering, aber sie war ja noch nie jemand gewesen, der schnell die Hoffnung aufgegeben hätte. In jedem Fall würde sie aber in Zukunft die Finger vom Pokern lassen, zumindest mit ihm, denn er war ein begnadeter Spieler. 
Aber vielleicht konnte sie ihn ja mal zu einem von ihren Spielen überreden... darin war sie gut, er wäre überrascht gewesen.
In diesem Moment ging sie All-In. Ob sie ihre Karten richtig eingeschätzt hatte, würde sich wohl bald zeigen, denn ewig konnte dieses Spiel nicht mehr dauern. Sie wusste immer noch nicht, ob sie den Pott überhaupt haben wollte... aber sie wollte ihn ein einziges Mal in die Karten schauen. 
Auch wenn das ihre Niederlage bedeutete. 
Dieses Risiko war sie bereits eingegangen, als sie leichtsinnigerweise in der zweiten Runde ihr verdammtes Herz auf diesen Tisch gelegt hatte...

3. Juli 2013

Von Songs, alten Texten und Marty McFly

"But if you close your eyes,
Does it almost feel like
Nothing changed at all?
And if you close your eyes,
Does it almost feel like
You've been here before?
How am I gonna be an optimist about this?"  
                             [Bastille - "Pompeii"]


Ja, Optimist bleiben ist schon schwer, wenn man sich selbst dabei ertappt, wie man drauf und dran ist, alte Fehler zu wiederholen. In den letzten Tagen bin ich einige meiner alten und zum Teil unveröffentlichten Texte durchgegangen, die seit ca. fünf bis sechs Jahren in einem Ordner auf meinen PC verstauben. Einige davon habe ich ja auch schon in Rückblenden auf diesem Blog veröffentlicht.
Andere Texte haben mich in ihrer Aktualität für mein jetziges Leben so überrascht, dass ich mich einfach nicht überwinden konnte, sie nochmal hier online zu stellen...
Warum? Vielleicht weil ich nicht nur überrascht, sondern geradezu entsetzt war, dass ich mich anscheinend so wenig weiterentwickelt habe.

"Fühlt es sich fast so an, als hätte sich überhaupt nichts geändert?"
... Nein, nicht ganz. In den letzten Jahren hat sich so ziemlich alles geändert und trotzdem bin ich wieder an einem ganz ähnlichen Punkt angelangt. Irgendwie seltsam.

"Fühlt es sich fast so an, als wärst du schonmal an diesem Punkt gewesen?"
...Oh ja. Wenn ich mir diese Texte durchlese, erkenne ich so vieles wieder, erinnere mich an so viele ähnliche Gedanken und Gefühle.
Und das Schlimme ist: die Gedanken und Gefühle von damals waren schon einen ganzen Schritt weiter, als ich zum jetzigen Zeitpunkt bin. Sie zeigen mir quasi in Rückblenden auf, was mir (schon wieder) bevorstehen wird. Unheimlich.
Als wäre man sich selbst ein Ratgeber, der gleichzeitig aus der Vergangenheit kommt und über die Zukunft spricht. Wie ein verkehrter Marty McFly...
Ich denke, so lange ich mir nicht im Klaren bin, was diese Erkenntnis mit dem Raum-Zeit-Kontinuum anstellen könnte, sollte ich diese Texte lieber weiterhin unter Verschluss halten, lauthals bei Bastille mitsingen und eventuell aus meinen früheren Fehlern lernen...
...zumindest die ersten beiden Punkte sollten doch hinzukriegen sein.

2. Juli 2013

the b-side of my tongue (2008)

Ein weiterer Rückblick nach 2008. Diesmal eine bisher unveröffentlichte Strophe eines Gedichts/ Songtextes...(was auch immer ich damals damit vorhatte). 
Der Rest blieb unvollendet und auch wenig überzeugend. Doch als ich heute auf diese Strophe stieß, wurde mir schlagartig bewusst, wie viel und gleichzeitig wie wenig sich in fünf Jahren in einem Leben ändern kann.



the b-side of my tongue (Auszug)
 
Die Gedanken spielen Akkorde mit verknoteten Saiten.
Deine Hände, nicht sicher, welches Lied sie begleiten.
Meine Stimme singt leise, mit seltsamem Klang,
as if my heart's the b-side of my tongue.