23. Februar 2013

Der Rest vom Ruhrgebiet: Duisburg-Meiderich

Von Hähnen, Zebras und trockenen Füßen...

Was dem Landei (was ich war) sein Dorf, ist dem Stadtaffen (was ich bin) sein Stadtteil.
Hier identifiziert man sich. 
Hier wird gelobt, was vielleicht gar nicht so außergewöhnlich ist und verteidigt, was von den Außenstehenden vorverurteilt wird.
Was Herr Buddenbohm für Hamburg und seine Stadtteile ins Leben rief, versucht Anne von "Ach komm, geh wech" für das Ruhrgebiet in ähnlich große Bahnen zu lenken und ruft den geneigten, bloggenden Ruhrpottler zur Teilnahme auf: 
Schreibt über den eigenen Stadtteil - ob Ode, Nachruf oder rein informativ spielt dabei keine Rolle.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich präsentiere:

Duisburg-Meiderich




Vorneweg: Ich bin keine einheimische Duisburgerin, sondern zugezogen. 2008 zog es mich beruflich hierher und nach eineinhalb Jahren in Marxloh (das eigentlich auch einen Blogpost verdient hätte) zog ich im Mai 2010 nach Meiderich.
Meine Eindrücke, gute wie auch schlechte, sind also durch die Augen einer "Fremden" entstanden, aber ich hoffe, dass ich mit meinem Bild dem Stadtteil gerecht werde.

Beginnen wir also mal mit der Seite von Meiderich, die ich als erste - schon vor meinem Umzug - kennengelernt habe:

Vom Hochofen aus ist der Pott gar nicht so grau...
DER LANDSCHAFTSPARK NORD
 Früher war dieses Paradestück der Industriekultur(-route) mal unter dem Namen "Hüttenwerk Meiderich" bekannt und die Firma Thyssen hatte dort viele Jahrzehnte lang das Sagen.
 Heute stehen im "Landi" von den ehemals fünf Hochöfen noch drei, die z.T. von schwindelfreien Kulturfreunden mittlerweile kostenlos erklommen werden können.
Wie in vielen anderen Eckchen des Ruhrgebiets war auch in Meiderich irgendwann der Ofen (größtenteils) aus. Was Mitte der Achzigerjahre übrig blieb, sollte aber nicht komplett eingestampft werden.
Zwischen 1990 und 1999 wurden Gebäude für verschiedene Zwecke nutzbar und die auf den Brachen entstehenden und neu gestalteten Grünflächen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Was der Besucher heute erwarten kann, ist ein interessantes Zusammenspiel von Natur und Technik sowie ein breites Angebot an ergänzenden Attraktionen. So kann man beispielsweise im wassergefüllten Gasometer ein besonderes Taucherlebnis genießen, in den Mauern der alten Schlackebehälter seine Kletterkünste erproben, im Sommer das Open-Air-Kino besuchen, an nächtlichen Fackelführungen teilnehmen oder aber einfach nur mit Kind, Kegel und Hund spazieren gehen oder auf den Wiesen relaxen.

Meiderich hat seine industrie-kulturelle Geschichte und Gegenwart tatsächlich ständig auf dem Präsentierteller und kann sich auch nachts an den beeindruckenden Lichtinstallationen von Jonathan Park erfreuen, der die heute erkalteten Hochöfen in blauem, grünm und violettem Neonlicht glühen lässt.



Apropos Geschichte...
Meiderich hat davon so einiges zu bieten.
Während wohl schon im 10. Jahrhundert die ein oder anderen Leutchen in der "feuchten Gegend" (medriki) zwischen der damals noch wild und munter plätschernden Emscher (fast unvorstellbar) und der regelmäßig überschwemmenden Ruhr siedelten, durfte sich im Jahre 1894 das größte Dorf Preußens bereits Stadt nennen.
Der Stolz und Spaß dauerte aber nicht lange an, denn im Streit um die Mitspracherechte am neuen Hafengebiet bei Ruhrort, wurde Meiderich schließlich schon 1905 zu Duisburg eingemeindet.
Eine Katastrophe für viele stolze Meidericher, deren Wappentier nicht umsonst der Hahn ist.
Dieser "Meierksche Hahn" ziert auch heute noch die beiden Enden der zentralen Fußgängerzone in Form von mehr oder weniger sehenswerten Skulpturen.
Die einzige Einkaufsstraße - von den Einheimischen liebevoll "Basarstraße" statt sperrig "Von-der-Mark-Straße" genannt - ist wie viele andere Stadtteil-Meilen in die Jahre gekommen und kann nur schwer mit den Konsumtempeln der Innenstädte konkurrieren... da macht man sich auch unter den stolzen Meidericher Hähnen nichts vor.
Diese sind übrigens nicht nur stolz, sondern galten auch seit jeher als wahre Streithähne. Im ewiger Konkurrenz und liebevoll gepflegter "Feindschaft" zu den Ruhrortern waren die Vertreter Meiderichs auf Festen und Veranstaltungen dafür bekannt, gerne mal einen deftigen Streit vom Zaun zu brechen. Darüber kann man sich von wahren Ur-Meiderichern auch in schönstem Meierkschen Platt einen erzählen lassen oder hier eine Kostprobe lesen.

Neben dem Hahn ist aber vor allem ein anderes Tier mit dem Stadtteil Meiderich verbunden, das man nicht auf den ersten Blick im Ruhrgebiet verorten würde: das Zebra.

Ennatz und der MSV
Zebrastreifen, weiß und blau... das ist der MSV. Genauer gesagt: der Meidericher Spielverein 02 e.V. Duisburg.
Seit Schimanski nicht mehr als Tatortkommissar unterwegs ist, ist der MSV Duisburg eigentlich so ziemlich das einzige, was noch regelmäßig von Duisburg in den Medien zu entdecken ist. Gut, die Blau-Weißen spielen nur in der zweiten Liga, sie haben auch noch nie die Meisterschaft oder den DFB-Pokal gewonnen, aber sie kommen nun mal ursprünglich aus Meiderich und deshalb müssen sie hier auch erwähnt werden.
Obwohl die Wirkungsstätte der Zebras schon lange nicht mehr an der hiesigen Westender Straße, sondern in der Arena mit dem lächerlichsten Namen seit Beginn der Kommerzialisierung in Wedau liegt, ist der MSV in Meiderich jedoch immer noch präsent.
Das Zebra hat seinen hübschen Namen "Ennatz" übrigens vom ehemaligen Kult-Spieler Bernhard "Ennatz" Dietz, dem der Verein in den 70er und Anfang der 80er Jahre viel zu verdanken hatte. 

Und sonst...?
Ach, man muss wohl einfach mal eine der fünf Autobahnabfahrten nehmen und sich Zeit für Meiderich nehmen.
Da ragen am Rand des Stadtteils ehemals imposante Altbaufassaden vor der Kulisse der Stahlwerke auf.
Da sitzen die Meidericher Urgesteine am Samstagvormittag auf der Basarstraße mit ihrem Kaffee in der Sonne und füttern die Tauben.
Da ziehen übermotivierte Jogger neben Muttis mit Kinderwagen und Live-Aktion-Rollenspielern ihre Runden im Landschaftspark.
Hier zu wohnen lässt das Ruhrgebiet-Erleben ganz nah rücken. Das mag natürlich in vielen Eckchen des Potts so sein, aber wie das so ist:
Die eigene Ecke ist doch immer die schönste.


1 Kommentar:

  1. Wie schön! Kommt der auch in Stories & Places? Dort sind sie alle versammelt.
    http://stories-and-places.com

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