28. November 2012

366 Tage

Prolog
Diesen Post hatte ich mir lange vorgenommen.
Irgendwie war seit Wochen der Gedanke da, dass ich anlässlich dieses Tages über dich schreiben würde.

Aber anders als bei anderen Posts, bei denen mir Ideen in den Kopf hüpfen und ich spontan von der Leber weg schreiben kann, hänge ich hier in der Luft. 
Ich hänge in der Luft, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. Aber ich habe das Gefühl etwas sagen zu wollen... sagen zu müssen.

Wir werden sehen, wie es läuft.

366 Tage
Vor 366 Tagen ging dein Leben zuende. Ich war nicht bei dir, aber du warst nicht allein.
Es endete nicht plötzlich oder unerwartet, dein Leben. Es verließ dich schleichend, langsam, Atemzug für Atemzug.
Jedes Mal, wenn wir uns sahen, hatte ich das Gefühl, dass weniger von dir übrig war als beim Mal davor.
Das passiert, wenn die Chemos nicht mehr anschlagen, wenn der Körper langsam aber sicher aufgibt:
Der Mensch schwindet.

Als mein Vater anrief, mir sagte, dass es vorbei sei, konnte ich nicht mehr denken.
Das mag nichts Ungewöhnliches sein. Wenn Menschen vom Tod eines anderen hören, können sie vielleicht immer nicht denken. Das ist vielleicht normal.
Für die Grüblerin, die Gedankenmacherin in mir war es das nicht. Ich habe das Gefühl, ich denke immer und ständig und ununterbrochen. Was vermutlich nicht stimmen kann.
Ich kann mich aber an keinen einzigen anderen Moment bewusst erinnern, in dem ich dieses Gefühl der völligen Kopfleere hatte.
Mein Vater rief an. Sprach mit mir. Weinte. Legte auf.
Ich rief meinen Freund an. Sprach mit ihm. Weinte. Legte auf.
Die Leere war immer noch da.
Irgendwie schlief ich ein mit der Leere. Irgendwie wachte ich wieder auf. Und setzte mich in mein Auto.

Ich fuhr 241km durch den nebligen Novembermorgen und der Kopf blieb leer. Wie oft war ich in den vergangenen 20 Monaten diese Strecke gefahren und meine Gedanken hatten sich wie irr im Kreis gedreht? Ich hatte sie hin und hergeschoben, sie verworfen und neu überdacht. Ich hatte mir Horrorszenarien und Wunder ausgemalt.
Und hatte doch niemals ausmalen können, wie es sein würde, wenn es kommt, wie es unausweichlich war.

Als ich das Auto neben dem Hospiz parkte, hatte ich den rasenden Impuls dich nicht sehen zu wollen.
Ich wollte es den anderen sagen. Sagen, dass ich dich so nicht sehen will. Dass die letzte Erinnerung an dich nicht diese sein sollte.
Ich tat es nicht.
Vater, Bruder, Schwester, eine Mitarbeiterin des Bestattungsunternehmens... und wieder war der Kopf irgendwie unbrauchbar, seltsam dumpf und schwerfällig das Denken.
Man sagte, ich solle mich verabschieden.
Irgendwer sagte, du sähest jetzt ganz friedlich aus.
Ich sagte, ich ginge hinein.

Was glaube ich, wohin du gegangen bist? Ich möchte daran glauben, dass du irgendwohin gegangen bist. Dass das, was dich ausmachte, deine Seele, an einem anderen Ort und nicht einfach nur erloschen ist.
In diesem Raum, diesem nett hergerichteten Zimmer mit bunten Vorhängen, warmen Farben und Blumen auf dem Tisch, warst du jedenfalls nicht mehr.
Das, was du einmal gewesen warst, war schon lange fort. Das, was der Krebs von dir gelassen hatte, lag in diesem Bett.

Wie wenig eine Krankheit und der Tod von einem übrig lassen können, schockiert mich. Es macht mir Angst und ist so ein krasser Gegensatz zu dem Lebendigen, was uns tagtäglich umgibt, was wir in uns spüren und in anderen sehen. Für mich gibt es ab diesem Zeitpunkt, an dem ich das erste Mal mit dem konfrontiert war, nichts mehr, was diesen Eindruck der Vergänglichkeit aus meinem Gedächtnis löschen könnte.
Es war schlimmer zu sehen, wie der Krebs dich Stück für Stück immer mehr aus dem Leben zu pflücken schien, als dich an diesem Tag dort liegen zu sehen. Aber all die Bilder meiner kranken Mutter haben sich nicht so sehr eingebrannt, wie das meiner toten.

366 Tage später habe ich immer noch kein Bild von dir aufgehangen.
Ich kann das vielleicht damit entschuldigen, dass ich auch keine Bilder von anderen Familienmitgliedern aufgestellt habe. Aber das wäre eine platte Ausrede.
Ich habe zwei kleine Fotos von dir in meinem Portemonnaie. Ich hole sie selten heraus.
Eines zeigt dich mit mir auf dem Arm, als ich ein kleines Mädchen von etwa eineinhalb Jahren war.
Das andere zeigt dich etwa ein Jahr, bevor wir von deiner Krankheit erfuhren.
Beide zeigen meine Mutter.

366 Tage später stelle ich mir immer noch die Frage, warum alle anderen so anders trauern als ich.
Warum ich nicht häufiger an dich denke und traurig bin.
Warum ich das Gefühl habe, dass ich anders oder mehr trauern müsste, als ich es tat und tue.
Unser Verhältnis zueinander war kompliziert, widersprüchlich und von gegenseitigen Vorwürfen geprägt. Auch über die Dauer deiner Krankheit konnten wir das nicht wirklich beilegen und aufarbeiten.
Vieles blieb ungesagt, aber weniges ungedacht.
Und Gewissheit erlangte ich nur darüber, dass auch mehr Zeit mit dir, mehr Zeit für dich, diesen Umstand nicht wirklich geändert hätte.
Meinen Frieden mit dir kann ich nur allein schließen.

366 Tage später weiß ich, dass ich dich nur so lieben kann, wie du immer gewesen bist.
Und das tue ich.
Ich habe meinen Frieden mit dir geschlossen und ich hoffe, du konntest deinen finden, wo auch immer du jetzt bist.

Diesen Frieden wünsche ich dir.