31. Oktober 2011

50f - schlüssel. straße. rot



schlüssel. - 
türen öffnen, die verschlossen wurden um fernzuhalten.
tore schließen, die offen standen und ausgenutzt wurden.
verlegen, verlieren, vergessen - herzinfarkt.
verwahren, versichern, versiegeln - seelenfrieden.

alfter - baumschule - oktober 2011

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straße. - 
die großstadtaorta steht kurz vor dem infarkt.
nach feierabend verengen sich die auffahrten thrombotisch.
ruckend, schwallartig, zähflüssig ergießt sich der strom
durch die arteriosklerose der einspurigen baustellendurchfahrt.

essen - auffahrt der a40 - oktober 2011

***




rot. -
in deinem inneren kämpft chlorophyll mit carotinoid,
doch dir, liebes herbstlaub, ist das vollkommen egal.
du errötest vollkommen unbeschämt und kurzlebig-leuchtend,
und sinkst schließlich melancholisch-schön zu boden.

alfter - baumschule - oktober 2011



Mehr zum Fotoprojekt 50f gibt's hier.


25. Oktober 2011

Neulich... anner Bude



Sprache kann eine Brücke sein, sie kann aber immer wieder auch unüberbrückbare Barrieren zwischen den Menschen aufbauen, die auf Verwirrung, Missverständnissen und Fehlinterpretationen basieren. So auch in diesem Fall:

Karsten Schroeder, IT Consultant der Durbon Computer & Networking Corporation mit Zweigniederlassung in Hannover Langenhagen, manövrierte sich unfreiwillig in ein durch Unwissenheit, Leichtsinn und gegenseitige Vorurteile geprägtes Szenario, welches sich während seiner zweitägigen Geschäftsreise nach Duisburg-Bruckhausen vor dem Gelände einer Verhüttungsanlage ereignete.

Der 37-jährige Geschäftsmann hatte seinen Firmenwagen, einen anthrazit-metallic-farbenen 5er BMW, auf der gepflasterten Freifläche eben vor diesem Werksgelände abgestellt, um sein eingebautes Navigationsgerät, dass sich aufgrund eines zwischenzeitlichen GPS-Fehlsignals deaktiviert hatte, neu zu justieren. Zwischenzeitlich wollte er die Gelegenheit nutzen, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindliche Trinkhalle aufzusuchen, um sich mit frischem Kaffee zu versorgen.
Bereits beim Überqueren der kaum befahrenen, vierspurigen Durchgangsstraße wurde er jedoch  aus einer Etagenwohnung oberhalb besagter Trinkhalle von Manfred Michalski, einem 68-jährigen Rentner und ehemaligen Mitarbeiter der Verhüttungsanlage, mit einigem an Lokalkolorit überschüttet.
Michalski, der täglich mehrere Stunden an seinem Küchenfenster mit dem Ausblick auf seine ehemalige Wirkungsstätte, das Pförtnerhäuschen, verbrachte, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Ortsfremde auf das bestehende absolute Halteverbot für Nichtanlieger hinzuweisen und gegebenenfalls auch das Ordnungsamt hinzuzuziehen, wenn jemand seinen Hinweisen und Aufforderungen nicht Folge leistete. So hatte es der engagierte Ruheständler schon auf immerhin 38 angezeigte Ordnungswidrigkeiten und 14 Abschleppwageneinsätze gebracht.
Zwischen dem alteingesessenen Bruckhausener und dem Durchreisenden entwickelte sich folgender Dialog:


Manfred Michalski (MM): "Hömma!"
 [freundlich-energischer Hinweis auf ein Fehlverhalten.]

Karsten Schroeder (KS): "Entschuldigung? Meinen Sie mich?"

MM (fuchtelt mit dem Zeigefinger in Richtung des abgestellten BMW): "HÖMMA!!!" 
 [Spätestens bei dieser zweiten, sehr deutlichen und zielgerichteten Anrede, wäre einem Ortsansässigen (oder -vertrauten) klar gewesen, dass er auf irgendeine erdenkliche Weise gegen ein bestehendes "Gesetz" verstoßen haben muss. Er hätte sich schleunigst umgesehen, seinen Fehler blitzschnell bemerkt und ohne weiteres Aufsehen zu erregen behoben.]

KS (guckt irritiert): "Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?"

Das Gesicht von MM schwillt gefühlt auf die doppelte Größe an und bekommt einen ungesunde violett-bläuliche Färbung.
MM: "Ey, du Pflaumenaugust! Watt glaubst du eigentlich, watt du da machst??"
[Beleidigung Stufe 1: der Missetäter wird darauf hingewiesen, dass sein Verhalten nicht korrekt ist.]

KS (blickt verwirrt um sich): "Ich? Ich hab doch gar nichts..."

MM (unterbricht ihn hysterisch): "Ich glaub wohl, et hackt! Bisse so dämlich, wie de tust? Die prollige Asphaltfeile weg da!"
[Beleidigung Stufe 2: der Delinquent wird auf seine fehlende Intelligenz hingewiesen, die es ihm offensichtlich unmöglich macht, den offensichtlichen Fehler zu erkennen.]

KS: "Mein Auto?"

MM: "Blitzmerker!" (zum Trinkhallenbesitzer und dessen Kunde unter ihm gewandt) "Blitzmerker isser."
[Publikumsansprache 1: der Ankläger versichert sich der Unterstützung seines Publikums.]

KS (entdeckt das vergilbte Hinweisschild mit dem Halteverbotszeichen): "Ach so..." (zu MM gewandt) "Ich bleibe da auch nur ein Minütchen stehen."

MM: "NÄ, NÄ, NÄ!! Datt fangen wa gar nich an, du Faxenheini! Datt wär ja noch schöna! Fünfundreißisch Jahre hab ich da kein' parken lassen un jetz' lass ich datt bestimmt nich ausgerechnet so'ner Flitzpiepe wie dir durchgehen!"
[Beleidigung Stufe 3: der eigene Standpunkt wird vehement vertreten, die Position des Missetäters wird durch geringe Wertschätzung weiter geschwächt.]

KS (stotternd): "Ja, aber..."

MM: "Nix aber, sieh zu, dassde Land gewinnst mit deine Schicki-Micki-Karre, bevor ich de Klüngelspitt rufe, datt e datt Scheißding wechholt!" (Gekicher der beiden Herren an der Bude)
[Beleidigung Stufe 4: das Eigentum des Delinquenten wird herabgewürdigt, der Befehlston lässt fehlenden Respekt erahnen.]

KS: "Hä?"

MM (zu seinem Publikum gewandt): "Kumma, die Träne, wie et da steht in seine Plörren und mit der Kletschkopp-Frise." (zu KS) "Lass jucken!"
[Beleidigung Stufe 5 und Publikumsansprache 2: der Ankläger erniedrigt den Missetäter vor dem Publikum, indem er sein Äußeres verhöhnt.]

KS stolpert rückwärts zu seinem Fahrzeug zurück, gerät ins Straucheln, fängt sich aber wieder,reißt die Fahrertüre auf und fährt mit quietschenden Reifen davon. Schallendes Gelächter von der anderen Straßenseite begleitet ihn.

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Wird sich Karsten Schroeder jemals von diesem Kulturschock erholen und ins Ruhrgebiet zurückkehren?
Oder wird er ins Ausland versetzen lassen, wo jeder Tag und jedes Gespräch stets mit einem freundlichen "Hey, how you're doing?" beginnt?
Kann Manfred Michalski tatsächlich Tag und Nacht über das bestehende Halteverbot wachen oder wird er eines Tages an seiner gepolsterten Fensterbank einem Herzanfall erliegen?

Fragen über Fragen.

Erfahren sie mehr... über vollkommen andere Dinge, wenn es wieder heißt:

Neulich...

22. Oktober 2011

50f - gelb.


gelb.-
einst biste watt gewesen.
jetzt stehste da so rum
und sonnst dich verschmutzt
im bröselnden glanz alter zeiten.

duisburg - untermeiderich - oktober 2011

17. Oktober 2011

sie war so-nett

sie ist so nett ihn noch herein zu bitten,
auf einen kaffee oder noch ein bier.
er ist nicht ganz so nett und dankt es ihr
zerreißt die bluse, greift nach ihren titten.

sie ist so nett nicht allzu laut zu schreien,
als er sich rücksichtslos an ihr vergeht.
der wecker, der auf ihrem nachttisch steht,
tickt höhnisch, draußen fängt es an zu schneien.

sie ist so nett und bleibt ganz hübsch dort liegen,
den abdruck seiner hand auf dem gesicht,
die weiße rauhfaser ganz fest im blick

ganz langsam setzen sich jetzt schon die fliegen.
er streift durch den schnee, er weiß es nicht:
sie war so nett, sein schlag brach ihr genick.




8. Oktober 2011

Neulich... im Unterholz

Immer wieder kursieren erschütternde Geschichten über Leute, die ihren ungesunden Neigungen, den Exzessen und Abstürzen hemmungslos nachgeben und sich dadurch an den Rand der Gesellschaft manövrieren.

Ein trauriges Beispiel für diese fehlgeleiteten Individuen der Spaßgesellschaft ist Paul Eich, 27 Jahre, gelernter Forstwirt.
Paul war in einer nicht vermögenden, aber bodenständigen Arbeiterfamilie aufgewachsen. Seine Eltern, beide mittlerweile verstorben, hatten ihn und seine Geschwister mit Liebe und einer strengen Hand erzogen und waren sehr darauf bedacht gewesen, dass aus ihrem Nachwuchs etwas wird.
Sehr zum Leidwesen von Vater und Mutter hatte der Sprössling aber bereits im sehr jungen Alter von 14 Jahren angefangen, des Nächtens um die Häuser zu ziehen und mit Freunden einen über den Durst zu trinken. Komatrinken, Randalierereien unter Alkoholeinfluss und sogar eine Verhaftung wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses prägten Pauls Jugendjahre.
Die Lehre zum Forstwirt, die er nur mit Mühe und viel Druck von Seiten der Eltern überhaupt zuende führen konnte, kam ihm im Bezug auf seine immer weiter ausufernde Feierlaune zu Gute. Er fand heraus, dass er die für die Waldfacharbeiter aufgestellten Bauwagen praktischerweise für seine heimlichen Gelage im Freundeskreis nutzen konnte, um so Konflikten mit Vater und Mutter, bei denen der damals 20-jährige immer noch wohnte, aus dem Weg zu gehen.


Natürlich blieb dieses nächtliche Treiben von Seiten des Forstamtes nicht unbemerkt und nach mehrfachen ernsthaften Gesprächen mit den Vorgesetzten, umfangreichen Standpauken von den mittlerweile selbstverständlich auch durch das Getratsche in der Nachbarschaft informierten Eltern und zweimaliger Abmahnung, die Paul aber alle nicht ernsthaft von seinen Escapaden abhalten konnten, legte man ihm nahe zu gehen.
Zutiefst enttäuscht vom unverantwortlichen und gleichgültigen Handeln ihres Sohnes, verlangten Herr und Frau Eich gleichzeitig auch von Paul, das Elternhaus zu verlassen und sich eine eigene Bleibe zu suchen.
Paul - über die Jahre im Forstamt doch irgendwie zu einer inneren Verbundenheit mit dem Wald gekommen - schlug daraufhin einen eher ungewöhnlichen Weg und Lebensstil ein:

In einer Nacht- und Nebelaktion verschaffte er sich noch einmal Zugang zum elterlichen Keller und der Garage und eignete sich die komplette Campingausrüstung der Familie Eich unrechtmäßig an. Ausgestattet mit diversen Gerätschaften, sowie einem 2x2 Meter Pop-Up-Zelt der Marke "Springauf" zog er sich in sein ehemaliges Arbeitsgebiet, den Blattenbacher Staatsforst, zurück und schlug dort an möglichst unzugänglicher Stelle sein Lager auf.
Dort lebt Paul Eich nun seit mittlerweile fünfeinhalb Jahren inmitten der Natur für sich allein. Mit seinen Eltern hat er nie wieder gesprochen. Sie haben ihre Anzeige wegen Einbruchs und Diebstahls allerdings zurückgezogen, als welchen Lebensstil ihr Sohn gewählt hat. Das abgewetzte Zelt verwendet er nur noch als Lagerplatz für sein Feuerholz, als Schlafstätte hat er sich einen stabileren Unterschlupf aus Ästen, Moos und Schlingpflanzen gebaut, der im Dickicht des Unterholzes kaum zu erahnen ist. Lediglich eine kleine grüne Fahne, bestehend aus einem alten Handtuch und mit dem Schriftzug "Paaarty" versehen, ist zu erkennen, wenn man sich Pauls Lagerstätte nähert.
War er früher noch der alkoholisierte Randalierer, so ist er heute extremst darauf bedacht möglichst unauffällig  und vom Rest der Welt - und besonders von den Mitarbeitern des Forstamtes - unentdeckt zu bleiben. Dem unglücksbringenden Fusel hat er dabei aber leider nicht gleichzeitig abgeschworen, sondern den Konsum noch eher intensiviert. Hauptsächlich nimmt er dabei selbst aufgesetzte Schnäpse und Liköre zu sich, die er anlässlich der täglich stattfindenen kleinen Feiern in seiner Behausung ausschenkt.
Trauriger Höhepunkt dieser gescheiterten Existenz: Paul Eichs Partys finden mittlerweile nur noch im Beisein eines einzigen Gastes statt. Ihm selbst.

Wird es für Paul noch einmal einen Weg zurück in die Gesellschaft geben? Vielleicht als Dauertester für die Firma "Springauf"?
Werden sich seine Eltern noch einmal um ihn bemühen oder wird die Party ewig weitergehen?
Wer schneidet im Wald das Holz so, dass es lustige Gesichter bekommt?
Und woraus brennt der Typ eigentlich seinen Schnaps?

Fragen über Fragen.

Erfahren sie mehr... über vollkommen andere Dinge, wenn es wieder heißt:

Neulich...

4. Oktober 2011

50f - verbunden. eins.



verbunden.-
gemeinsam gegangen lange zeit
nebeneinander ein leben lang
zusammen verwurzelt in einem boden
verflochtene kronen zum licht gestreckt

bonn - naturpark kottenhof - september 2011

***



eins.-
bist du lange genug bei der stange geblieben,
hast so manchen drahtseilakt gewagt
und dich immer dem licht zugewandt,
kannst du am ende eine ganz große nummer werden.

elsaß - riquewhir - oktober 2011

Mehr über 50f hier.