13. November 2011

Neulich... am Tetraeder

Dass im Ruhrgebiet ein Strukturwandel seit und noch für viele Jahre vor sich geht, ist kein Geheimnis. Wo einst Hochöfen glühten, glühen jetzt Neonröhren und setzen den Landschaftspark Duisburg des Nächtens in Szene. Und wo über Jahrzehnte Schlacke zu neuen Höhenzügen des Potts aufgeschüttet wurde und die Landschaft verschandelte, werden nach und nach künstlerische Landmarken gesetzt, die zu neuen Freizeitattraktionen werden.


Waldemar Wurmberg, wieselflinker Werbefachmann aus Wesel, war an einer dieser Landmarken - genauer gesagt der als Tetraeder bekannten Aussichtsplattform auf der Halde Beckstraße in Bottrop - mit einigen seiner Kollegen verabredet.
Als Betriebsausflug getarnt hatte man den nichtsahnenden Wurmberg auf das Haldenplateau gelockt, in der Aussicht, dort vom "Pott-Zauber-Party-Bus" abgeholt und zum streng geheimen Veranstaltungort gebracht zu werden. Der Abfahrtszeitpunkt hatten die trickreichen Werbeleute mit "bei Sonnenuntergang" recht vage angegeben, was den pflichtbewussten Waldemar dazu veranlasste, sich in voller Partymontur bereits am späten Nachmittag des doch recht kühlen Novembertages aufzumachen, den Haldenhügel zu erklimmen.

Frohen Mutes mühte sich Wurmberg mit dem ca. 20minütigen Aufstieg zum Aussichtsplateau ab, immer mit den Gedanken bei der bevorstehenden Feierlichkeit mit erhofftem Trinkgelage und feinsten kulinarischen Genüssen.
Doch es sollte anders kommen, als der sprachgewandte Texter sich das gedacht hatte...


Warum haben es alle auf den armen Waldemar abgesehen? Hat er vielleicht Mundgeruch oder schüttet er seinen Kollegen Salz in den Kaffee?
Warum kommt der "Pott-Zauber-Party-Bus" nicht und wo sind alle anderen?
Und warum tragen die seltsamen Männer aus dem verbeulten und rostigen weißen Lieferwagen, die Waldemar mehr oder sehr viel weniger freundlich ins Wageninnere befördern so komische Clownsmasken?


Fragen über Fragen.

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Neulich...

50f. - distanz. mittendrin.


distanz. -
hören, wie jemand deinen namen flüstert.
sehen, wie jemand eine träne um dich weint.
fühlen, wie jemand eine hand zu dir ausstreckt.
gehen, ein stückchen... dem jemand entgegen.

***



mittendrin. -
um mich herum abgewrackte, zerbrochene
doch in mir ist leben, will leben heraus
kämpfe mir den weg durch euren grauen alltag
an euch vorbei, nach oben ans licht


bottrop - haldenereignis emscherblick - november 2011

Mehr zum Fotoprojekt 50f gibt's hier.

6. November 2011

50f - alt. struktur.




alt. - 
trübe augen, sehen einander an.
dritte zähne, lachen sich zu.
fleckige hände, halten einander fest.
müde glieder, gehen den weg zusammen.

Bonn - Poppelsdorf - November 2011

***





struktur. - 
eichen, schön zum steinerweichen?
oder erahnen wir platanen?
ja, ich finde diese rinde
gibt der natur doch mal struktur.

Bonn - Poppelsdorf - November 2011

31. Oktober 2011

50f - schlüssel. straße. rot



schlüssel. - 
türen öffnen, die verschlossen wurden um fernzuhalten.
tore schließen, die offen standen und ausgenutzt wurden.
verlegen, verlieren, vergessen - herzinfarkt.
verwahren, versichern, versiegeln - seelenfrieden.

alfter - baumschule - oktober 2011

***




straße. - 
die großstadtaorta steht kurz vor dem infarkt.
nach feierabend verengen sich die auffahrten thrombotisch.
ruckend, schwallartig, zähflüssig ergießt sich der strom
durch die arteriosklerose der einspurigen baustellendurchfahrt.

essen - auffahrt der a40 - oktober 2011

***




rot. -
in deinem inneren kämpft chlorophyll mit carotinoid,
doch dir, liebes herbstlaub, ist das vollkommen egal.
du errötest vollkommen unbeschämt und kurzlebig-leuchtend,
und sinkst schließlich melancholisch-schön zu boden.

alfter - baumschule - oktober 2011



Mehr zum Fotoprojekt 50f gibt's hier.


25. Oktober 2011

Neulich... anner Bude



Sprache kann eine Brücke sein, sie kann aber immer wieder auch unüberbrückbare Barrieren zwischen den Menschen aufbauen, die auf Verwirrung, Missverständnissen und Fehlinterpretationen basieren. So auch in diesem Fall:

Karsten Schroeder, IT Consultant der Durbon Computer & Networking Corporation mit Zweigniederlassung in Hannover Langenhagen, manövrierte sich unfreiwillig in ein durch Unwissenheit, Leichtsinn und gegenseitige Vorurteile geprägtes Szenario, welches sich während seiner zweitägigen Geschäftsreise nach Duisburg-Bruckhausen vor dem Gelände einer Verhüttungsanlage ereignete.

Der 37-jährige Geschäftsmann hatte seinen Firmenwagen, einen anthrazit-metallic-farbenen 5er BMW, auf der gepflasterten Freifläche eben vor diesem Werksgelände abgestellt, um sein eingebautes Navigationsgerät, dass sich aufgrund eines zwischenzeitlichen GPS-Fehlsignals deaktiviert hatte, neu zu justieren. Zwischenzeitlich wollte er die Gelegenheit nutzen, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindliche Trinkhalle aufzusuchen, um sich mit frischem Kaffee zu versorgen.
Bereits beim Überqueren der kaum befahrenen, vierspurigen Durchgangsstraße wurde er jedoch  aus einer Etagenwohnung oberhalb besagter Trinkhalle von Manfred Michalski, einem 68-jährigen Rentner und ehemaligen Mitarbeiter der Verhüttungsanlage, mit einigem an Lokalkolorit überschüttet.
Michalski, der täglich mehrere Stunden an seinem Küchenfenster mit dem Ausblick auf seine ehemalige Wirkungsstätte, das Pförtnerhäuschen, verbrachte, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Ortsfremde auf das bestehende absolute Halteverbot für Nichtanlieger hinzuweisen und gegebenenfalls auch das Ordnungsamt hinzuzuziehen, wenn jemand seinen Hinweisen und Aufforderungen nicht Folge leistete. So hatte es der engagierte Ruheständler schon auf immerhin 38 angezeigte Ordnungswidrigkeiten und 14 Abschleppwageneinsätze gebracht.
Zwischen dem alteingesessenen Bruckhausener und dem Durchreisenden entwickelte sich folgender Dialog:


Manfred Michalski (MM): "Hömma!"
 [freundlich-energischer Hinweis auf ein Fehlverhalten.]

Karsten Schroeder (KS): "Entschuldigung? Meinen Sie mich?"

MM (fuchtelt mit dem Zeigefinger in Richtung des abgestellten BMW): "HÖMMA!!!" 
 [Spätestens bei dieser zweiten, sehr deutlichen und zielgerichteten Anrede, wäre einem Ortsansässigen (oder -vertrauten) klar gewesen, dass er auf irgendeine erdenkliche Weise gegen ein bestehendes "Gesetz" verstoßen haben muss. Er hätte sich schleunigst umgesehen, seinen Fehler blitzschnell bemerkt und ohne weiteres Aufsehen zu erregen behoben.]

KS (guckt irritiert): "Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?"

Das Gesicht von MM schwillt gefühlt auf die doppelte Größe an und bekommt einen ungesunde violett-bläuliche Färbung.
MM: "Ey, du Pflaumenaugust! Watt glaubst du eigentlich, watt du da machst??"
[Beleidigung Stufe 1: der Missetäter wird darauf hingewiesen, dass sein Verhalten nicht korrekt ist.]

KS (blickt verwirrt um sich): "Ich? Ich hab doch gar nichts..."

MM (unterbricht ihn hysterisch): "Ich glaub wohl, et hackt! Bisse so dämlich, wie de tust? Die prollige Asphaltfeile weg da!"
[Beleidigung Stufe 2: der Delinquent wird auf seine fehlende Intelligenz hingewiesen, die es ihm offensichtlich unmöglich macht, den offensichtlichen Fehler zu erkennen.]

KS: "Mein Auto?"

MM: "Blitzmerker!" (zum Trinkhallenbesitzer und dessen Kunde unter ihm gewandt) "Blitzmerker isser."
[Publikumsansprache 1: der Ankläger versichert sich der Unterstützung seines Publikums.]

KS (entdeckt das vergilbte Hinweisschild mit dem Halteverbotszeichen): "Ach so..." (zu MM gewandt) "Ich bleibe da auch nur ein Minütchen stehen."

MM: "NÄ, NÄ, NÄ!! Datt fangen wa gar nich an, du Faxenheini! Datt wär ja noch schöna! Fünfundreißisch Jahre hab ich da kein' parken lassen un jetz' lass ich datt bestimmt nich ausgerechnet so'ner Flitzpiepe wie dir durchgehen!"
[Beleidigung Stufe 3: der eigene Standpunkt wird vehement vertreten, die Position des Missetäters wird durch geringe Wertschätzung weiter geschwächt.]

KS (stotternd): "Ja, aber..."

MM: "Nix aber, sieh zu, dassde Land gewinnst mit deine Schicki-Micki-Karre, bevor ich de Klüngelspitt rufe, datt e datt Scheißding wechholt!" (Gekicher der beiden Herren an der Bude)
[Beleidigung Stufe 4: das Eigentum des Delinquenten wird herabgewürdigt, der Befehlston lässt fehlenden Respekt erahnen.]

KS: "Hä?"

MM (zu seinem Publikum gewandt): "Kumma, die Träne, wie et da steht in seine Plörren und mit der Kletschkopp-Frise." (zu KS) "Lass jucken!"
[Beleidigung Stufe 5 und Publikumsansprache 2: der Ankläger erniedrigt den Missetäter vor dem Publikum, indem er sein Äußeres verhöhnt.]

KS stolpert rückwärts zu seinem Fahrzeug zurück, gerät ins Straucheln, fängt sich aber wieder,reißt die Fahrertüre auf und fährt mit quietschenden Reifen davon. Schallendes Gelächter von der anderen Straßenseite begleitet ihn.

--------------

Wird sich Karsten Schroeder jemals von diesem Kulturschock erholen und ins Ruhrgebiet zurückkehren?
Oder wird er ins Ausland versetzen lassen, wo jeder Tag und jedes Gespräch stets mit einem freundlichen "Hey, how you're doing?" beginnt?
Kann Manfred Michalski tatsächlich Tag und Nacht über das bestehende Halteverbot wachen oder wird er eines Tages an seiner gepolsterten Fensterbank einem Herzanfall erliegen?

Fragen über Fragen.

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Neulich...

22. Oktober 2011

50f - gelb.


gelb.-
einst biste watt gewesen.
jetzt stehste da so rum
und sonnst dich verschmutzt
im bröselnden glanz alter zeiten.

duisburg - untermeiderich - oktober 2011

17. Oktober 2011

sie war so-nett

sie ist so nett ihn noch herein zu bitten,
auf einen kaffee oder noch ein bier.
er ist nicht ganz so nett und dankt es ihr
zerreißt die bluse, greift nach ihren titten.

sie ist so nett nicht allzu laut zu schreien,
als er sich rücksichtslos an ihr vergeht.
der wecker, der auf ihrem nachttisch steht,
tickt höhnisch, draußen fängt es an zu schneien.

sie ist so nett und bleibt ganz hübsch dort liegen,
den abdruck seiner hand auf dem gesicht,
die weiße rauhfaser ganz fest im blick

ganz langsam setzen sich jetzt schon die fliegen.
er streift durch den schnee, er weiß es nicht:
sie war so nett, sein schlag brach ihr genick.




8. Oktober 2011

Neulich... im Unterholz

Immer wieder kursieren erschütternde Geschichten über Leute, die ihren ungesunden Neigungen, den Exzessen und Abstürzen hemmungslos nachgeben und sich dadurch an den Rand der Gesellschaft manövrieren.

Ein trauriges Beispiel für diese fehlgeleiteten Individuen der Spaßgesellschaft ist Paul Eich, 27 Jahre, gelernter Forstwirt.
Paul war in einer nicht vermögenden, aber bodenständigen Arbeiterfamilie aufgewachsen. Seine Eltern, beide mittlerweile verstorben, hatten ihn und seine Geschwister mit Liebe und einer strengen Hand erzogen und waren sehr darauf bedacht gewesen, dass aus ihrem Nachwuchs etwas wird.
Sehr zum Leidwesen von Vater und Mutter hatte der Sprössling aber bereits im sehr jungen Alter von 14 Jahren angefangen, des Nächtens um die Häuser zu ziehen und mit Freunden einen über den Durst zu trinken. Komatrinken, Randalierereien unter Alkoholeinfluss und sogar eine Verhaftung wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses prägten Pauls Jugendjahre.
Die Lehre zum Forstwirt, die er nur mit Mühe und viel Druck von Seiten der Eltern überhaupt zuende führen konnte, kam ihm im Bezug auf seine immer weiter ausufernde Feierlaune zu Gute. Er fand heraus, dass er die für die Waldfacharbeiter aufgestellten Bauwagen praktischerweise für seine heimlichen Gelage im Freundeskreis nutzen konnte, um so Konflikten mit Vater und Mutter, bei denen der damals 20-jährige immer noch wohnte, aus dem Weg zu gehen.


Natürlich blieb dieses nächtliche Treiben von Seiten des Forstamtes nicht unbemerkt und nach mehrfachen ernsthaften Gesprächen mit den Vorgesetzten, umfangreichen Standpauken von den mittlerweile selbstverständlich auch durch das Getratsche in der Nachbarschaft informierten Eltern und zweimaliger Abmahnung, die Paul aber alle nicht ernsthaft von seinen Escapaden abhalten konnten, legte man ihm nahe zu gehen.
Zutiefst enttäuscht vom unverantwortlichen und gleichgültigen Handeln ihres Sohnes, verlangten Herr und Frau Eich gleichzeitig auch von Paul, das Elternhaus zu verlassen und sich eine eigene Bleibe zu suchen.
Paul - über die Jahre im Forstamt doch irgendwie zu einer inneren Verbundenheit mit dem Wald gekommen - schlug daraufhin einen eher ungewöhnlichen Weg und Lebensstil ein:

In einer Nacht- und Nebelaktion verschaffte er sich noch einmal Zugang zum elterlichen Keller und der Garage und eignete sich die komplette Campingausrüstung der Familie Eich unrechtmäßig an. Ausgestattet mit diversen Gerätschaften, sowie einem 2x2 Meter Pop-Up-Zelt der Marke "Springauf" zog er sich in sein ehemaliges Arbeitsgebiet, den Blattenbacher Staatsforst, zurück und schlug dort an möglichst unzugänglicher Stelle sein Lager auf.
Dort lebt Paul Eich nun seit mittlerweile fünfeinhalb Jahren inmitten der Natur für sich allein. Mit seinen Eltern hat er nie wieder gesprochen. Sie haben ihre Anzeige wegen Einbruchs und Diebstahls allerdings zurückgezogen, als welchen Lebensstil ihr Sohn gewählt hat. Das abgewetzte Zelt verwendet er nur noch als Lagerplatz für sein Feuerholz, als Schlafstätte hat er sich einen stabileren Unterschlupf aus Ästen, Moos und Schlingpflanzen gebaut, der im Dickicht des Unterholzes kaum zu erahnen ist. Lediglich eine kleine grüne Fahne, bestehend aus einem alten Handtuch und mit dem Schriftzug "Paaarty" versehen, ist zu erkennen, wenn man sich Pauls Lagerstätte nähert.
War er früher noch der alkoholisierte Randalierer, so ist er heute extremst darauf bedacht möglichst unauffällig  und vom Rest der Welt - und besonders von den Mitarbeitern des Forstamtes - unentdeckt zu bleiben. Dem unglücksbringenden Fusel hat er dabei aber leider nicht gleichzeitig abgeschworen, sondern den Konsum noch eher intensiviert. Hauptsächlich nimmt er dabei selbst aufgesetzte Schnäpse und Liköre zu sich, die er anlässlich der täglich stattfindenen kleinen Feiern in seiner Behausung ausschenkt.
Trauriger Höhepunkt dieser gescheiterten Existenz: Paul Eichs Partys finden mittlerweile nur noch im Beisein eines einzigen Gastes statt. Ihm selbst.

Wird es für Paul noch einmal einen Weg zurück in die Gesellschaft geben? Vielleicht als Dauertester für die Firma "Springauf"?
Werden sich seine Eltern noch einmal um ihn bemühen oder wird die Party ewig weitergehen?
Wer schneidet im Wald das Holz so, dass es lustige Gesichter bekommt?
Und woraus brennt der Typ eigentlich seinen Schnaps?

Fragen über Fragen.

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Neulich...

4. Oktober 2011

50f - verbunden. eins.



verbunden.-
gemeinsam gegangen lange zeit
nebeneinander ein leben lang
zusammen verwurzelt in einem boden
verflochtene kronen zum licht gestreckt

bonn - naturpark kottenhof - september 2011

***



eins.-
bist du lange genug bei der stange geblieben,
hast so manchen drahtseilakt gewagt
und dich immer dem licht zugewandt,
kannst du am ende eine ganz große nummer werden.

elsaß - riquewhir - oktober 2011

Mehr über 50f hier.

27. September 2011

50f - ewig.



ewig. - 
wie ewigkeit aussehen mag, kein mensch vermag es zu sagen.
denn nie kehrte jemand zurück von dort, um zu erzählen
allein die tatsache, dass nie auch nur einer den weg zurück nahm,
lässt hoffen und glauben, dass sie existiert.


bonn - alter friedhof - september 2011

50f - gefühlt.


gefühlt.-
voller orchestereinsatz im ohr
sanfter einsatz einer hand im nacken
fehlender einsatz einer jacke am abend
rücksichtsloser einsatz einer gabel am topfboden


bonn - mein arm - september 2011


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22. September 2011

Neulich... am Wassersaum

Jaja, das Wassergetier hat's schwer. Sehen sie nun eine kurze Episode voller Traurigkeit und Lebensmüdigkeit im abendlichen Schwipp-Schwapp der holländischen Nordsee:

Frau F.Lunder aus Niederpriel hatte sich in den falschen Mann verliebt. Das Objekt ihrer Begierde, H.Arung, zwielichtiger Geschäftsmann Anfang 30, mit einschlägiger Erfahrung und von schlanker und attraktiver Gestalt, war von der etwas rundlichen Dame mittleren Alters zunächst überhaupt nicht angetan und wies diese sogar aufs Schroffste zurück.
Die psychisch labile Frau, die schon auf familärer Ebene eine Neigung zur Depression aufzuweisen hatte, zog sich daraufhin zutiefst betrübt auf einen Selbstfindungstrip zurück. Dieser bescherte ihr aber dann einen unerwarteten Reichtum, als sie während ihrer Reise auf eine echte Münz-Rarität stieß.
Kurz nach ihrer Rückkehr in heimische Gefilde, zeigte sich H.Arung plötzlich sehr interessiert an Frau Lunder. Diese freute sich über seinen plötzlichen Sinneswandel und dachte, ob seiner kunstvollen Schmeicheleien, an nichts Böses. Allerdins nahm die Sache auch diesmal kein gutes Ende für die Frau, da sich der fragwürdige Liebhaber schon bei der nächsten Gelegenheit mit dem Vermögen aus dem Staub machte.

Völlig aufgelöst setzte sie ihrem Leben ein viel zu frühes und unnötiges Ende:




Mit ihrem Selbstmord hatte keiner im Bekanntenkreis gerechnet und man war zurecht zutiefst bestürzt. Aber Mitleid war nicht das einzige der Gefühle, welches den Angehörigen und Freunden durch den Kopf ging:




Ein Beziehungsdrama, das viele Schatten nach sich zieht.
Werden die Hinterbliebenen den Verlust verarbeiteten können?
Wird die Geldgier von H.Arung weitere Opfer kosten?
Und wer liebt eigentlich Quallen?

Fragen über Fragen.

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Neulich...

frei


(von der Seele geschrieben im August 2008)

Einen Schritt nach vorne. Über den unsichtbaren Abgrund der Rationalität hinaus in den Schatten springen. 
Und einmal im Leben nicht darüber nachdenken, ob das was folgt Fallen oder Fliegen ist.

Vielleicht kannst du nicht verstehen, warum das, was ich im Moment empfinde, Freiheit für mich bedeutet. Im Grunde ist es doch nur eine neue Stadt, ein neuer Job, ein Neuanfang. Keine tiefschürfende, seelenbefriedigende Weltreise und auch nicht das Lossagen von meiner bisherigen Lebensweise. Nur eine Stadt, ein Job und ein neues Fleckchen Erde.

Doch für mich ist es Freiheit. Alte Dinge loslassen, zurücklassen, was mich bremst und einengt. Den Geschmack von Selbstbestimmung auf der Zunge, ein neuer Wind, der mir um die Nase weht und das Prickeln auf der Haut, wenn man sich darüber klar wird, dass man sich einfach einmal hat hinreißen lassen.

"Lächerlich!"
möchtest du sagen, wo du doch viel gefährlichere Schritte getan hast. Wo du doch größere Risiken eingegangen und mehr Mut gezeigt hast.

"Feigling!"
möchtest du sagen, weil du meinst ich wäre vor meinem Leben, meinen Gefühlen oder meinen Fehlern geflüchtet, hätte mich heimlich aus der Affäre gezogen.

"Unvernünftig!"
möchtest du sagen, weil du nie so etwas Unüberlegtes und schlecht Geplantes durchgezogen hättest.


Und ich lache dich an, denn ich weiß, dass ich richtig liege. 
Spüre einfach, dass dieser ganz spezielle und kurzentschlossene Weg meiner ist.

Vielleicht wird er mich nirgendwo hin führen...
...aber ganz bestimmt wird er mich weiterbringen.

17. September 2011

50f - industriell. wasser. ende.



industriell. -
alter stahl in neuem glas.
früher: "feste arbeiten"
heute: "feste feiern"
industrie trifft kultur

****





wasser. - 
auf alten wegen 
stiehlt sich der regen
als kleines rinnsal
durch den stahl

***



ende. - 
vergange wege des menschen
von der natur zurückerobert
ein langer weg der industrie
findet hier ein natürliches ende


duisburg - landschaftspark - september 2011


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14. September 2011

stainless

(erzählt im Dezember 2010)

"Sven, nimm das Messer runter. Bitte." Ihre Stimme ist kaum mehr als ein tränenersticktes Flüstern.

Ihr Blick ist starr auf die Klinge des Gemüsemessers gerichtet. Stainless steel. Stainless... heißt auch unbefleckt. Noch.
Der Kloß in ihrem Hals fühlt sich riesig an. Zu groß um zu schlucken, aber sie muss schlucken. Sie will die Angst runterschlucken bevor sie daran erstickt.

"Sven..., was soll denn das?"

Seine Augen sind ganz leer, fast kalt. Wie er sie so anblickt, während sie in dieser verkrampften Haltung am Küchentisch sitzt, so kalt. Ihr Hals ist krampfartig zu ihm gedreht, sie fühlt wie sich ihre Muskeln und Sehnen allmählich verspannen. Aber sie kann sich einfach nicht bewegen, jede Bewegung...ja, jedes Zucken könnte ein Fehler sein.
Als er plötzlich antwortet, entweicht ihr auf einmal zischend die Luft. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie sie die ganze Zeit angehalten hatte. Erschrocken reißt sie die Augen auf. Hat er es bemerkt? Wie reagiert er?
Doch es scheint ihm entgangen zu sein. Sein ganzes Augenmerk liegt auf ihrem Mund als er spricht.

"Ich hab dir gesagt, dass ich es mache.", stößt er hervor.

Es klingt beinahe überheblich, so als wäre es nur ihre Schuld, dass es soweit gekommen ist. Ja, natürlich ist es ihre Schuld. Sie ist schuld daran, sie hat den Fehler gemacht, schon vor Jahren. Vor zwölf Jahren, um genau zu sein.
Aber sie war so jung gewesen, fast selbst noch ein Kind. Fast noch ein Kind war sie und die Liebe war so groß. Sie hatte falsche Entscheidungen getroffen. Eine ganze Reihe von kleinen, falschen Entscheidungen und dann eine große, eine lebensverändernde falsche Entscheidung. Sie war schwanger geworden. Mit fünfzehn. Sie hatte die Schule abgebrochen. Sie war zuhause geblieben. Und irgendwie schien dann doch alles gut zu werden. Zunächst.
Eine kleine Familie, eine kleine Wohnung, eine kleine Zukunft. Sogar den Schulabschluss holte sie jetzt nach.
Alles war doch gut.
Doch gut.

"Tu das nicht, Sven.Bitte,ja?"

Ein Flehen. Sie versucht ihm in die Augen zu schauen, aber er kneift sie zusammen. Sein Blick ist abschätzig.
Bestimmt denkt er wieder daran, dass sie ihm nicht gewachsen ist. Dass er sie vollkommen in der Hand hat mit seinen Spielchen. Er hält sie für dumm, das hat er ihr neulich erst gesagt. Nicht mal einen Abschluss habe sie, hat er gesagt. Und gelacht hat er dabei.
Sie hätte ihn am liebsten geohrfeigt, aber das wäre nicht gut gewesen. Das hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Oder?
Oder wäre das im wahrsten Sinne des Wortes ein Befreiungsschlag gewesen? Ein Weckruf?

"Ich hab's dir gesagt...", beginnt er wieder und drückt die Klinge etwas fester gegen die seidig weiche Haut.

Ganz langsam richtet sie sich auf. Millimeter für Millimeter, Sekunde für Sekunde. Schneller ginge es auch nicht, denn ihre Muskeln sind vor Anspannung und wegen der unbequemen Haltung bereits hart.

"Ich tu's.", die Stimme zittert unsicher.

In Zeitlupe legt sich ihre Hand über seine, die das Gemüsemesser führt. Stainless steel.
Wie Stahl plötzlich auch ihr Blick, der sich in seinen bohrt. Der drängt und sucht und Antworten fordert. Plötzlich ganz fest und unnachgiebig. So, wie sie sich nur selten zu zeigen vermag.
Und dann auf einmal weicht er ihr aus, wendet sein Gesicht ab. Die verkrampfte Hand löst sich unter ihrer und das Messer gleitet in ihre Finger. Immer noch unbefleckt... der Hals wie das Messer.
Und wie ein kleiner Schrei entfährt ihr ein Seufzer der Erleichterung. Fassungslos legt sie ihre zitternden Finger auf die Stelle, an der eben noch die grauenvolle Drohung lag: seine Kehle.
Und mit einem ersticktem Schluchzen reißt sie den schmächtigen Körper des Elfjährigen in ihre Arme.

Inkonsequenz, Geliebte!

(seziert im Februar 2008)

Du bist mein schlimmstes Laster, meine schlechteste Eigenschaft, mein persönlicher charakterlicher Niedergang: meine Inkonsequenz. Du überfällst mich hinterrücks, schlägst meine strahlend-weißen Vorsätze mit einer rostigen Eisenstange nieder und stehst breitbeinig und hämisch grinsend über den Überresten meiner Moral. Ein widerwärtiges Biest bist du, wie du da so triumphierend dein Siegesgeheul anstimmst und zusiehst, wie ich blutend in meiner Selbstverachtung hocke und kleinlaut die Wunden meines verletzten Stolzes lecke. Umbringen könnte ich dich...

...und kann es doch nicht. Übermächtig und unbesiegbar scheinst du mir und hältst mir damit den schonungslosesten Spiegel vor, den man sich vorstellen kann. „Zerrspiegel! H&M-Umkleide! Das bin ich nicht!“ will ich schreien, doch der Schrei bleibt mir im Halse stecken. Mich selbst belügen, gänzlich zum Narren halten, kann ich dann doch nicht. Zum Glück möchte ich sagen, doch wenn ich so wehleidig vor mir selbst sitze und mich gänzlich widerwärtig und verachtenswert finde, wäre ich manchmal dankbar, es zu können.

Der Kampf mit dir ist ein offener Schlagabtausch, eine Debatte mit argumentativen Boxhandschuhen. Motivationsformeln, Schulterklopfen und Selbstbeweihräucherung in meiner Ecke des Ringes. Alles, was nötig ist, um dir standzuhalten, dir entgegenzutreten. Siegesgewissheit, Ignoranz und übersteigertes Ego auf deiner Seite. Alles, was nötig ist, um mich und meine Moralvorstellungen, meine Überzeugungen und meine Ideale kettensägengleich zu Fall zu bringen. Immer wieder. Tiefschläge sind erlaubt und gern gesehen. Die seltenen Siege, die ich – geschunden und unter Weltschmerz – davontrage, schmecken schal und hinterlassen nur einen faden Nachgeschmack von dem, was ursprünglich Stolz sein sollte. Der fieseste Gegner, so sagt man, ist immer der, der einen am besten kennt. Mein hinterhältigstes und brutalstes Gegenüber bin ich also selbst.

Und dennoch... unabhängig von den tausenden Kratzern an meinem Ego, ungeachtet der ungezählten Blessuren, die mein Selbstwertgefühl davongetragen hat und abgesehen von den Narben, die meinen Stolz wie eine verzerrte Fratze in einem Horror-B-Movie aussehen lassen: Ich empfinde auch Liebe für dich, für meine Geliebte Inkonsequenz. Du, die mich dazu bringt, mich hinreißen zu lassen, um hinreißend zu sein. Die mich vergessen macht, was mich einst verletzte, damit ich Menschen hinter diese sorgsam aufgebauten Mauern blicken lasse. Abenteuer jenseits dessen, was ich stets als moralisch korrekt oder „richtig“ bezeichnet hätte, gehen auf dein Konto und bereichern mein Leben mit einem Spektrum an Eindrücken, die ich im Nachhinein nicht mehr missen möchte.

Ja, du bringst mich stets in Bredouille, kostest mich Nerven, Stolz und manchmal auch Menschen. Aber ein Leben ohne dich? Unvorstellbar. Gleich einer verbotenen Liebschaft bist du stets da, hältst dich mal geschickt Fäden ziehend im Hintergrund oder machst eine unvergleichliche und perfekt berechnete Szene in aller Öffentlichkeit. Du intrigierst wie eine alte Meisterin gegen deine Konkurrenz, das Heimchen am Herd, die Vernunft. Und obwohl du weißt, dass ich dich verachte, mich selbst verachte, wenn ich dir nachgebe, bist du siegesgewiss. Denn deine Versprechungen sind wie Verheißungen, wie verbotene Küsse, nach denen die Lippen hinterher noch tagelang brennen. Nicht nur einmal hat die Reue hinterher wie saurer Regen an mir genagt, meine Selbstachtung zerfressen. Aber jeder noch so kleine, gestohlene Moment des Glücks, der Bestätigung, der Befriedigung, den du mir verschaffst, lässt mich wieder und wieder schwach werden.

Du bist meine Geliebte und meine Gehasste, mein Schlag ins Genick und mein Schubs nach vorn, mein charakterlicher Untergang und meine Reiseleiterin auf dem lustigsten, abenteuerlichsten und frivolsten Trip meines Lebens... und wenigstens dir bleibe ich konsequent treu.

Wenn Sie Appetit haben, ist es nicht der Blinddarm.

(erlebt und verfasst Frühjahr 2007)

Es ist zehn vor fünf als ich auf meinen Wecker schaue. Definitiv viel zu früh zum Aufstehen, das sagt mir auch
der mäßige Verkehrslärm vor meinem Fenster. Ich will mich gerade noch einmal umdrehen, als mich ein fieses Ziehen im Bauch auffahren lässt. Scheiße, fluche ich und versuche mich gerade hinzusetzen. Es gelingt mir nicht. Zusammengekrümmt sitze ich jetzt da auf der Kante meines Futons und mache eine Bestandsaufnahme. Bauch tut weh. Richtig weh. Drehen, strecken, beugen... geht alles nur unter Schmerzen. Ein weiterer Blick auf den Wecker sagt mir, dass es ebenfalls noch definitiv zu früh ist, um Mama anzurufen. Nicht dass die irgendeine medizinische Ausbildung hätte, die mir weiterhelfen würde, aber sie liest nun mal leidenschaftlich gerne medizinische Fachliteratur und diagnostiziert und doktort gerne an mir herum. Üblicherweise rege ich mich immer furchtbar darüber auf und sage ihr, dass sie mir mit ihrem Halbwissen nicht auf die Nerven gehen soll. Aber heute, genau in diesem Moment wäre ich froh, wenn ich sie erreichen könnte.

Ich versuche mich also notgedrungen in einer Selbstdiagnose. Abdominalschmerzen... das Wort hab ich mir irgendwo bei Grey’s Anatomy oder Emergency Room gemerkt. Viele Gründe gibt’s dafür, das weiß ich. Hm... der banalste könnte sein, dass ich die beiden Cocktails gestern einfach nicht vertragen habe. Ich erinnere mich, dass es mir beim Schlafengehen schon nicht ganz so gut ging. Aber andererseits hab ich vom Trinken noch nie Schmerzen bekommen. Okay, Kopfschmerzen vielleicht... aber nicht sowas! Also was tun? Zum Arzt muss ich wohl, gestehe ich mir ein. Ein Horror. Ich hasse Ärzte. Ich reiße meine Arbeitskollegin unfreundlicherweise telefonisch aus dem Bett, um ihr mitzuteilen, dass ich heute voraussichtlich nicht zur Arbeit erscheinen werde und versuche mich im gekrümmten Zustand in Jeans und Pullover zu bugsieren.
Ich erreiche das Krankenhaus (Hausärzte haben zu so unchristlichen Zeiten sowieso nicht geöffnet) und stehe gleich vor dem nächsten Problem. Ich bin noch neu in der Stadt und habe mir klugerweise das falsche Krankenhaus ausgesucht. Nicht, dass sie hier nicht auch Patienten behandeln würden, aber es handelt sich leider um einen reine gynäkologische Klinik mit Kreißsaal, Hebammen und allem Pipapo. Großartig. Die Frau am Empfang schickt mich aber netterweise doch zur Station weiter. Man kann ja nie wissen, sagt sie und guckt mich dabei so schief von der Seite an, dass ich ihr am liebsten an die Gurgel springen würde. Klar... vermutlich sind das die Wehen und ich bin in ein paar Stunden glückliche Mutter! Verdammt, wenn das Lachen nicht auch so weh tun würde...

An der Station gleich der nächste Brüller. In der wievielten Woche ich sei, fragt mich die Hebammenschülerin mit Unschuldsblick und ich schenke ihr eine zynische Grimasse. In keiner soweit ich weiß, zische ich und werde daraufhin in ein Untersuchungszimmer gebracht. Eineinhalbstunden und einige spaßige Untersuchungen später teilt mir die Ärztin mit, dass mein Problem wohl nicht gynäkologischer Natur sei (ach...) und dass ich jetzt mit einem Krankentransport in das andere Krankenhaus gebracht werde. Während der nächsten eineinhalb Stunden lassen die Schmerzen zusehends nach. Ich sitze in der Notaufnahme und komme mir vor wie ein Hypochonder.
Als endlich der nächste Arzt auf der Bildfläche erscheint, werde ich etwas nervös. Er ist groß, jung, dunkelhaarig und hat einen einfach umwerfenden amerikanischen Akzent. Er lächelt. Ich lächele tapfer zurück. Er heißt wie einer der Ärzte aus Grey’s Anatomy... das muss ein Zeichen sein! Das Lächeln gefriert mir allerdings im Gesicht, als er mir erklärt, dass er nun mit einer rektalen Untersuchung beginnen muss. Sein Finger in meinem Po ist so ziemlich das Letzte, womit ich beim ersten Kennenlernen Bekanntschaft schließen möchte. Da steh ich ja allgemein nicht so drauf... Während ich also auf der Seite liege und versuche, teilnahmslos die mit abwaschbarer Farbe gestrichene Raufaser anzustarren, male ich mir aus, wie es wäre, wenn ich das unseren Enkelkindern mal erzählen könnte. „...und so haben Grandma und Grandpa sich kennengelernt.“ Ich bin anscheinend wirklich ernsthaft krank, anders lässt sich das Phantasieren wohl nicht erklären. Okay...Konzentration wieder zurück zur Raufaser.

Nachdem ich mich also in meinen Augen genug erniedrigt habe, unterhalten wir uns ein wenig über meine Symptome. Ob ich schon wieder Appetit hätte, fragt er mich und lächelt schon wieder so unverschämt süß, dass ich fast vergessen könnte, dass unser erster Moment der Zweisamkeit im wahrsten Sinne des Wortes „für’n Arsch" war. Ich horche in mich hinein, höre meinen Magen knurren. Ich nicke und stelle mir vor, dass er mich zu Essen einlädt. (Halluzinationen...ein weiteres Symptom, das ich vielleicht erwähnen sollte?) Wenn Sie Appetit haben, ist es nicht der Blinddarm, sagt er mit seinem unglaublich süßen Akzent und ich registriere die Worte gar nicht wirklich, will einfach nur, dass er weiter redet. Gut, der Blinddarm ist es also nicht, aber Ultraschall müssen wir doch machen. Wenigstens ist das nicht so unsäglich peinlich.

Die nette asiatische Ärztin am Ultraschall fährt meinen ganzen Bauch ab und quatscht dabei unablässig über mein „Würmchen“ aka meinen Blinddarm. Der Schnuckelarzt steht daneben. Sie diskutieren ein paar Schatten hier und da, zeigen mir, was sie vermuten zu sehen. Ich sehe nur hell und dunkel und nicke aber immer freundlich, damit sie weiter mit mir reden. Wie sich herausstellt ist es anscheinend doch der Appendix, der kleine Scheißer. Das in meinem Fall ungewöhnlich lange Ding wirft dunkle Schatten auf dem Ultraschall und sieht böse aus. Die Sache mit dem Appetit scheint irgendwie doch nicht ganz hingehauen zu haben, aber wie könnte ich dem Arzt meines Vertrauens deswegen böse sein?

Von jetzt an geht alles ganz schnell. Innerhalb von zwanzig Minuten habe ich ein Bett auf einer Station. Der nette Doc erklärt mir, wie sie mir das kleine entzündete Mistding rausholen wollen und welche Risiken es gibt. Ich werde bei der OP dabei sein, sagt er und tätschelt meine Hand. Definitiv ein Moment voller unterschwelliger Erotik... oder unterdrückter Schmerzen, da bin ich nicht so ganz sicher. Mittlerweile wird mir jedenfalls klar, dass ich mich gleich der ersten OP in meinem Leben unterziehen muss und dass niemand aus meinem Familien- oder Freundeskreis Bescheid weiß. Während mein persönlicher McDreamy also einen Monolog über die Vor- und Nachteile von endoskopischen Operationstechniken und die möglichen Risiken von Narbenbrüchen, Bauchfellentzündungen und Taubheitsgefühlen hält, frage ich mich, ob ich vielleicht doch mit 26 schon mal an ein Testament hätte denken sollen. So eine Narkose ist ja schließlich nicht zu unterschätzen, nicht wahr? Und wie war das gerade mit den anderen Risiken, Doc? Ich schicke also schnell und heimlich (ist ja im KH nicht erlaubt) eine Nachricht an meine Lieben... das letzte Lebenszeichen im Zweifelsfall.

Plötzlich geht alles furchtbar schnell. Ein Pfleger kommt ins Zimmer gestürmt und teilt mir mit, dass man meine OP mal eben ganz nach vorn gezogen hat und ich jetzt sofort in mein „Outfit“ schlüpfen müsse. Mir ist eh schon alles egal und so füge ich mich meinem Schicksal und dem unsäglichen Trio von OP-Hemd (hinten offen), Thrombosestrümpfen (unten offen) und... äh, ich nenn es mal OP-Schlüpfer (überall offen). Bleibt noch zu erwähnen, dass ich gewissen Stellen noch mit einem Einwegrasierer zu Leibe rücken durfte und dem Begriff „Rasurbrand“ eine ganz neue Dimension hinzufügen konnte.

Was folgt ist der Luxus, im Bett thronend und im heißesten Look der neuen Saison durch geschätzte fünfundzwanzig Flure und an mindestens 300 Leuten vorbei in den OP-Bereich chauffiert zu werden. Ganz großes Kino! Hatte ich erwähnt, dass an diesem Tag, Tag der offenen Tür im Krankenhaus ist? Nein? Nun ja, dank „Scheißegal-Tropfen“ nehme ich die mitleidigen Blicke der Menschen auch nur noch am Rande wahr und konzentriere mich vielmehr auf McDreamy, der mir – leider mit blauer Gesichtsmaske – entgegen schwebt. Ich schenke ihm ein Lächeln, was angesichts des leicht zugedröhnten Zustandes vermutlich etwas debil ausfällt und hoffe, dass ich wenigstens nur halb so furchtbar aussehe, wie ich mich fühle. Leider verschwindet Doc auch schon wieder, um sich hübsch (und steril) zu machen und ich bin allein mit dem Anästhesiearzt, der aussieht wie Jack Black. Also irgendwie lustig. Der dockt so einen hübschen Plastikschlauch an diese lustige Kombination aus Nadel, Pflaster und Verschlüssen in meinem Arm an. „Jack“ hat eine Stimme wie Domian, mit der er sich jetzt vorstellt und beruhigend auf mich einredet. Weiße Flüssigkeit läuft durch den Schlauch und in unglaublichen vierzehn Sekunden durchlaufe ich die Phasen angesäuselt, duselig, stramm, sternhagelvoll und „so dicht war ich in meinem ganzen Leben noch nicht“. Dann wird’s dunkel.

Als ich aufwache, kleben drei Pflaster auf meinem Bauch. Der sieht noch ein bisschen aus, wie eine jodbeschmierte Trommel, weil man mir, wie ich später erfahre, Kohlendioxid durch den Bauchnabel hineingepumpt hat. Damit man sich besser umgucken kann da drin... toll! Dieses Aufpumpen macht dann auch den eigentlichen Spaß der folgenden vier Tage Krankenhausaufenthalt aus, denn meine Bauchmuskeln beginnen aufgrund der unverschämten Spontanausdehnung am nächsten Tag mit dem Totalstreik. Und als ob ich nicht schon genug leiden müsste, sehe ich meinen süßen Doc auch nicht mehr wieder in dieser Zeit.
Die Genesung verläuft bestens. Die Narben sind klitzeklein und werden jeden Tag unsichtbarer, ebenso wie die Erinnerung an das Abenteuer „Standardeingriff“. Manchmal denk ich mir, wenigstens die Telefonnummer von McDreamy hätte ich mir organisieren müssen, als noch die Gelegenheit dazu bestand. Andererseits... unser Kennenlernen stand vielleicht auch nicht gerade unter einem günstigen Stern. Obwohl „Finger im Po, Mexico...“ als Klingelton für ihn echt ein Kracher gewesen wäre... oder?

ode an die freuNde

(inspiriert durch die Herren Schiller und Beethoven, verf. im März 2008)

Schiller saß wenigstens gegenüber...
Wertvoll, nur schwer zu ersetzen seid ihr. Freunde, Sprungtücher für meine Seele. Ihr, die ihr da seid, um
gefühlt zu werden und um anzunehmen. Ihr, die ihr nicht perfekt seid, aber mit all euren kleinen Fehlern und Makeln und Unzulänglichkeiten widerspiegelt, was mich selbst im Innersten ausmacht. Vertraute, Seelenvögel, geliebte Streithähne. Zu selten habe ich euch gesagt, wie essentiell ihr für mich seid und wie gerne ich Essenz für euer Leben bin. Ihr nehmt teil, seid Teil meines Lebens und lasst mich teilhaben an eurem.

Wir beschreiten gemeinsam Wege, die wir allein nicht beschritten hätten. Und von den Wegen, die wir allein beschreiten, erzählen wir uns, teilen uns mit. Ein Kern, ein Funken, ein gemeinsames kleines Feuer ist es, das auf die gleiche Art und Weise in uns zu schwelen scheint, uns zu verwandten Seelen, zu verständigen Geistern, zu Brüdern und Schwestern macht. Mit tausend Worten und in tiefes Schweigen gehüllt, in fröstelnder Distanz und in inniger Nähe, geben wir uns immer genau das, was wir brauchen. Gebunden, wie durch einen Zauber.
Unsere Leben, nicht auf die gleiche Art geführt, nicht auf die gleiche Weise gelebt und doch verbunden miteinander. Bestätigt, bestärkt oder bezweifelt... aber in jedem Fall begleitet. In gleicher Weise Spiegel meiner Fehler, wie alles verschlingendes, vergebendes schwarzes Loch. So seid ihr.

Selten seid ihr. Leider. Aber wie so viele gute, wunderbare und phantastische Dinge auf der Welt, seid ihr einzigartig, rar und kostbar. Manches Mal möchte man leichtfertig ein Juwel eurer exquisiten Auswahl hinzufügen, weil er gar zu sehr zu funkeln und zu strahlen scheint. Nicht selten muss man aber schnell feststellen, dass das Funkeln falsch, die scheinbare Kostbarkeit nur eine Kopie dessen ist, was man sich erhofft hatte. Erst allmählich lernt man zu erkennen, dass es häufig die unscheinbaren Rohdiamanten da draußen sind, die am wertvollsten für einen werden. Die zum Teil ungeschliffenen Diamanten, meine Schätze, das seid ihr.

Menschen, die einander als Menschen erkennen, akzeptieren und schätzen. Menschen mit Träumen und Utopien, mit den liebenswertesten Eigenschaften und den schlimmsten Lastern. Menschen, die voller Liebe sind, für sich selbst, für andere, für die Welt. Wir halten das Leben hoch, über unsere Köpfe hinaus und feiern es. Einen Kuss der ganzen Welt! Wir feiern sie ausgelassen und manchmal auch zu ausgelassen. Und dann zelebrieren wir unser gemeinsames Tief, weil auch das zum Leben dazugehört.

Freunde, schöne Götterfunken, die ihr mein Leben erleuchtet! Feuer(wasser)trunken betreten wir himmlische Heiligtümer und teuflische Abgründe und sind stets siegesgewiss.

13. September 2011

50f - zwei.



zwei. -
Zweimal zwei.
Antennen und Tauben.
Ruhrgebiets-Idylle.
Sommer-2011-Gedächtniswetter.

Neulich... in Stein gehauen.




Neulich im Keller des wienerischen Vorzeige-Nudisten-Camps "Knackige Schnitzelchen".
Der energische und als zupackender Typ in jederlei Hinsicht bekannte Hausmeister, Herr Kules, stellt sich der Ungezieferplage mit dem einzig wahren Mittel: einer Keule.

Ludger, Johanna-Amelie und Oscar, die kleinen pummelfeeartigen Drillinge des Architekten-Ehepaars Feilheimer-Gurtzberg, beobachten gebannt das geplante Ausmerzverfahren. Aber nur bis ihnen der genervte Dienstleister im Adamskostüm mit der Keule droht, weil sie nicht aufhören können zu kreischen.









Wird Herr Kules den hartnäckigen Schädlingen den Garaus machen?
Wird die eineiige Akademiker-Nachkommenschaft nochmal mit einer Rüge davonkommen?
Oder werden sich die Feilheimer-Gurtzbergs durch Adoption wieder komplettieren müssen, wenn der Hausmeister mit ihren Sprösslingen fertig ist?

Fragen über Fragen...



[Wiener Figuren, fotografiert Ostern 2009]